Glaube und Irrtum: 15 hartnäckige Irrtümer im Faktencheck
Napoleon war ein Zwerg, die Chinesische Mauer sieht man vom Mond und ein Hundejahr entspricht sieben Menschenjahren. Manches „Wissen“ sitzt so fest, dass kaum noch jemand danach fragt, ob es überhaupt stimmt. Zeit für einen Streifzug durch erstaunlich hartnäckige Irrtümer – mit einem Hamburg-Special zum Schluss.
Es gibt bei Journalisten eine spezielle Berufskrankheit: Misstrauen. Mit zunehmender Erfahrung wächst die Neigung, erst mal nichts zu glauben. Besonders, wenn sich alle einig sind, wenn alle die gleiche Geschichte nachplappern, wenn sich niemand mehr traut, gegen den Strom zu schwimmen. Dann ist es häufig vernünftig, die Arme zu verschränken und den Kopf zu schütteln. Tatsächlich ist die Welt geflutet mit Tatsachen von exzellenter Reputation. Brockhauserprobt, kein Irrtum möglich! Wer sich jedoch die Mühe macht, sie nachzuprüfen der findet: Quatsch, Bockmist, Propaganda, leider falsch verstanden... Ein Streifzug.
Ein Jahr Hundeleben entspricht sieben Menschenjahren.
Die bekannte Sieben-Jahre-Regel ist anschaulich, biologisch aber unsinnig. Hunde entwickeln sich anfangs viel schneller als Menschen: Ein einjähriger Hund ist schließlich kein siebenjähriger Quälgeist, sondern je nach Rasse bereits geschlechtsreif oder nahezu ausgewachsen. Danach verlangsamt sich das Altern, wobei kleine Hunde im Durchschnitt erheblich länger leben als sehr große.
Rasieren lässt Haare dicker und stärker nachwachsen.
Nach einer Rasur können Haare tatsächlich dunkler, kräftiger und stoppelig erscheinen. Mehr oder dicker geworden sind sie deshalb aber nicht. Das Rasiermesser schneidet lediglich den sichtbaren Teil des Haares ab und hat keinen Einfluss auf den darunterliegenden Haarfollikel. Das nachwachsende Haar besitzt zunächst eine stumpfe Schnittkante statt seiner natürlich dünner werdenden Spitze. Genau deshalb fühlt es sich härter an – und erzeugt den überzeugenden Eindruck, die Rasur habe das Haarwachstum verstärkt.
Haare und Fingernägel wachsen nach dem Tod weiter.
Ein besonders hartnäckiger, besonders unappetitlicher Mythos: Nach dem Tod kommt auch das Wachstum von Haaren und Fingernägeln zum Erliegen, denn dafür wären weiterhin aktive Zellteilung und Stoffwechselprozesse notwendig. Der Eindruck entsteht durch eine andere Veränderung: Der Körper verliert Flüssigkeit, die Haut trocknet aus und zieht sich zurück. Dadurch treten Nägel und Bartstoppeln stärker hervor und können aussehen, als seien sie weitergewachsen.
Napoleon war außergewöhnlich klein.
Napoleon Bonaparte gilt bis heute als Inbegriff des kleinen Mannes mit großem Ego. Tatsächlich war er mit etwa 1,68 bis 1,70 Meter für einen französischen Mann seiner Zeit keineswegs auffällig klein. Zum Mythos trugen unter anderem britische Karikaturen bei, die Napoleon bewusst als winzige, lächerliche Figur darstellten. Zusätzlich sorgten unterschiedliche französische und britische Maßeinheiten später für Verwirrung bei der Umrechnung seiner überlieferten Körpergröße.
Die Chinesische Mauer kann man vom Mond aus sehen.
Die Chinesische Mauer ist gewaltig lang, aber mit wenigen Metern Breite viel zu schmal, um vom Mond aus mit bloßem Auge erkannt zu werden. Schon aus einer niedrigen Erdumlaufbahn ist sie unter normalen Bedingungen nur schwer auszumachen. Der Mythos ist besonders bemerkenswert, weil er bereits verbreitet war, bevor überhaupt ein Mensch im Weltraum gewesen war. Ihre enorme Länge wird dabei intuitiv mit guter Sichtbarkeit verwechselt – entscheidend wären aber vor allem Breite und Kontrast zur Umgebung.
Der Mensch hat fünf Sinne.
Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten – diese fünf Sinne lernen schon Kinder und sie kommen nicht von irgendwem: Bereits Aristoteles verwendete diese Zahl. Biologisch besitzt der Mensch jedoch deutlich mehr Wahrnehmungssysteme. Dazu gehören etwa der Gleichgewichtssinn und die Propriozeption, durch die wir auch mit geschlossenen Augen wissen, wo sich Arme und Beine befinden. Hinzu kommen unter anderem Wahrnehmungen für Temperatur, Schmerz und innere Körperzustände.
Die EU schreibt vor, wie krumm Gurken sein dürfen.
Der Maximalskandal für EU-Hasser und AfD-nahe Antieuropäer! Heute falsch – früher aber tatsächlich teilweise richtig. Eine EU-Vermarktungsnorm teilte Gurken nach Qualitätsklassen ein und schrieb für höhere Klassen auch eine maximale Krümmung vor. Der Hintergrund war weniger Bürokratiewahn als ein Wunsch des Handels: Gerade Gurken lassen sich leichter sortieren, verpacken und transportieren. Die EU schaffte diese speziellen Vorgaben 2009 zusammen mit zahlreichen anderen Obst- und Gemüsenormen ab. Wer sich heute über die „EU-Gurkenkrümmungsverordnung“ aufregt, beschwert sich also über eine Regel, die seit 17 Jahren nicht mehr gilt.
Im Weltraum herrscht völlige Schwerelosigkeit.
Astronauten schweben in der Internationalen Raumstation nicht deshalb, weil dort keine Erdanziehungskraft mehr vorhanden wäre. In rund 400 Kilometern Höhe wirkt die Gravitation noch erstaunlich stark. Die ISS und alles in ihr befinden sich vielmehr in einem permanenten freien Fall um die Erde. Ihre hohe seitliche Geschwindigkeit sorgt dafür, dass sie beim Fallen die gekrümmte Erdoberfläche ständig „verfehlt“. Astronauten, Raumstation und Gegenstände fallen gemeinsam – und erscheinen deshalb relativ zueinander schwerelos.
Früher wurden Menschen im Durchschnitt nur 30 Jahre alt.
Solche historischen Durchschnittswerte werden leicht missverstanden. Eine Lebenserwartung von beispielsweise 30 oder 35 Jahren bedeutet nicht, dass die meisten Erwachsenen in diesem Alter starben. Vor allem die enorme Säuglings- und Kindersterblichkeit drückte den Durchschnitt nach unten. Wer Kindheit, Infektionen, Geburten und andere Gefahren überstand, konnte auch in früheren Jahrhunderten 60, 70 oder mehr Jahre alt werden. Sehr alte Menschen waren seltener als heute – aber keineswegs außergewöhnliche biologische Wunder.
Menschen im Mittelalter glaubten, die Erde sei eine Scheibe.
Die Vorstellung vom unwissenden mittelalterlichen Menschen, der Angst hatte, am Rand der Erde herunterzufallen, ist weitgehend eine moderne Legende. Die Kugelgestalt der Erde war bereits in der Antike bekannt und gehörte auch im europäischen Mittelalter zum Wissen der Gelehrten. Diskutiert wurde eher über die Größe der Erde und die Verteilung der Kontinente. Selbst beim Streit um Kolumbus ging es nicht darum, ob die Erde rund sei, sondern unter anderem darum, wie weit der Seeweg nach Asien tatsächlich wäre.
Hamburg-Special
Die Alster ist ein See.
Eigentlich ist die Alster ein 56 Kilometer langer Fluss, der nördlich von Hamburg entspringt und in die Elbe mündet. Die große Wasserfläche mitten in Hamburg ist menschengemacht: Bereits im Mittelalter wurde der Fluss für den Betrieb von Mühlen aufgestaut. Erst daraus entwickelte sich der Alstersee; im 17. Jahrhundert erfolgte die Trennung in Binnen- und Außenalster.
Der Michel ist Hamburgs höchste Kirche.
Nein. Der Turm des Michels ist rund 132 Meter hoch, der Turm der ehemaligen Nikolaikirche erreicht dagegen 147 Meter. St. Nikolai war nach seiner Fertigstellung im 19. Jahrhundert sogar zeitweise das höchste Bauwerk der Welt. Heute ist die Kirchenruine das Mahnmal St. Nikolai.
Die Beatles begannen ihre Karriere im Star-Club.
Der Star-Club ist zwar der berühmteste Hamburger Beatles-Ort, öffnete aber erst 1962. Als die damals noch unbekannten Beatles am 17. August 1960 erstmals in Hamburg auftraten, spielten sie im Indra. Danach folgten unter anderem Kaiserkeller und Top Ten Club.
Das alte Hamburger Rathaus verbrannte beim Großen Brand.
Nicht ganz. Es war vom Feuer bedroht und wurde von den Hamburgern selbst gesprengt, um eine Brandschneise zu schaffen. Genützt hat es wenig: Das Feuer sprang trotzdem über das Nikolaifleet.
Hamburg hat mehr Brücken als Venedig und Amsterdam zusammen.
Der erste Teil stimmt: Hamburg besitzt tatsächlich außergewöhnlich viele Brücken. Problematisch ist der ständig wiederholte Vergleich. Denn schon die Frage, was überhaupt als Brücke zählt, wird unterschiedlich beantwortet. Gehört eine kleine Fußgängerbrücke im Park dazu? Eine Straßenüberführung über Bahngleise? Ein Steg über einen Graben? Oder werden nur Bauwerke gezählt, die einen Fluss oder Kanal überspannen? Hamburg selbst nennt rund 2.500 Brücken, weist aber darauf hin, dass sich die Zahlen verschiedener Städte wegen unterschiedlicher Definitionen kaum seriös vergleichen lassen. Aus einer beeindruckenden Zahl ist so ein vermeintlich gesicherter Rekord geworden.