Zwischen Knigge und Social Media: Wie höflich sind wir noch?
Höflichkeit gilt vielen als Selbstverständlichkeit – und doch scheint sie im Alltag zunehmend unter Druck zu geraten. Ob im Beruf, in der digitalen Kommunikation oder im privaten Miteinander: Experten beobachten veränderte Regeln, neue Unsicherheiten und einen spürbaren Wandel im Umgangston.
Als im Januar der Winter über Hamburg hereinbrach, erlebten wir Entschleunigung. Der Vater mit dem kleinen Kind an der Hand oder das alte Ehepaar Arm in Arm – die Straßenverhältnisse ließen nur langsames Gehen auf schmal freigeräumten Wegen zu. Wer es eilig hatte, wollte trotzdem nicht drängeln und verhielt sich höflich, schließlich war es überall sehr glatt. Aber wie verhält es sich im normalen Alltag mit unseren Manieren? Abseits von Studien (laut einer Insa-Studie glauben 66 Prozent der Deutschen, die Umgangsformen hätten sich in den letzten fünf Jahren verschlechtert) gibt es unter Experten unterschiedliche Meinungen.
Nandine Meyden, die für „Leading Cultures“ und „Etikette-und-mehr“ Umgangsformen vermittelt, sagt: „Ich finde, dass in breiten Teilen des öffentlichen Lebens der höfliche Umgang nachgelassen hat.“ Was schade sei, denn „er ist ja oft ein Puffer, der unangenehme Situationen etwas leichter erträglich“ mache. „Dass Höflichkeit generell nachgelassen hätte, würde ich weniger sagen“, meint dagegen Jonathan Lösel, Vorsitzender des Deutschen Knigge-Rats, aber durch die Digitalisierung sei auch im Alltag der Ton miteinander rauer geworden. Und die Regeln der Höflichkeit hätten sich – insbesondere im geschäftlichen, aber beispielsweise auch im Dating-Bereich – gewandelt. Der Herr hilft der Dame in den Mantel, und der Herr zahlt die Rechnung – so etwas sei nicht mehr selbstverständlich. Es gelten differenziertere Regeln. Der Herr hilft der Dame möglicherweise in den Mantel, vielleicht tut es aber auch die Dame beim älteren Herrn. Er selbst, sagt Lösel, halte es so, dass er der Dame ihren Mantel reiche und je nachdem, wie sie reagiere, weiterverfahre.
Der Herr hilft der Dame in den Mantel und der Herr zahlt die Rechnung – so etwas ist nicht mehr selbstverständlich. Es gelten differenziertere Regeln ...
Knigge-Kurse in Hamburg
Auch bei der Rechnung sei Feingefühl empfehlenswert. Grundsätzlich sei es so, wer einlädt, zahlt die Rechnung. Möglicherweise wird gesplittet. Was Lösel aber auf jeden Fall empfiehlt: es zu besprechen. Sonst wird es peinlich, wenn der Kellner mit der Rechnung am Tisch steht. Doch grau ist alle Theorie. Was gibt es denn an Angeboten in Hamburg, wo ich mein Benehmen verbessern kann? Im Hotel „Vier Jahreszeiten“ etwa können Erwachsene den „Business-Knigge“ buchen und Benehmen an Bar und Tisch lernen inklusive Tipps für geeigneten Small-Talk sowie Optimierung des ersten Eindrucks und insgesamt moderne Umgangsformen. Jugendliche erhalten Hinweise zur Kleiderwahl und es gibt „Tipps für den jungen Gentleman und wie die junge Dame damit umgeht“. Dass Jugendliche und Kinder im Tischdecken unterwiesen werden und dies nicht von den Eltern zuhause erledigt wird, ist wahrscheinlich dem Stress der heutigen Zeit geschuldet. Zu wenig Zeit, vielleicht auch zu wenig gemeinsame Mahlzeiten.
So lernen Jugendliche Etikette
Den richtigen Umgang mit Tischmanieren und dem anderen Geschlecht sowieso kann die Jugend auch bei „Die Schrittmacher“ lernen, der Tanzschule des Hamburger Westens und nicht nur des Westens. Nach „Startschritt 1 und 2“ kann man das „Gesellschafts-Zertifikat“ dranhängen, wo in unterschiedlichen Kursen Benimmregeln vermittelt werden. Tischmanieren, so Rainer Abbé von der Tanzschule, seien da kein Thema mehr: „Das können die eigentlich alle“. Interessierter seien die Jugendlichen an den Aspekten Kommunikation und Outfit. Eine angemessene E-Mail zu schreiben oder auch, das eigene Anliegen am Telefon zu vermitteln – das fiele Teenies heute sehr schwer. Zuviel Social Media, zu wenig sprachliche Kompetenz, meint Abbé. Gutes Benehmen, sagt Rainer Abbé, habe mit Respekt zu tun. Dass man beispielsweise seinem Gegenüber beim Begrüßen in die Augen sieht oder auch, dass man angemessene Kleidung wähle, zeuge von Respekt. Trage ich ein weißes Kleid auf einer Hochzeit, wenn ich nicht die Braut bin? Ziehe ich mich etwas netter an, wenn ich zur Premiere ins Theater gehe? Und welche Signale sende ich, wenn ich im sehr kurzen Rock beim Bewerbungs-Gespräch sitze? „Sie bekommen Hinweise von uns, die Situation richtig einzuschätzen, die ausgesprochenen und unausgesprochenen Regeln zu bemerken“, so Abbé.
Dass man beispielsweise seinem Gegenüber beim Begrüßen in die Augen sieht, auch, dass man angemessene Kleidung wähle, zeuge von Respekt.
Benimm als Erfolgsfaktor
Die Etikette im Beruflichen und in der privaten Gesellschaft, im Analogen und im Digitalen, eventuell erweitert mit Tipps zur erfolgreichen Selbst-Präsentation – in Nachfolge von Adolph Freiherr von Knigges „Über den Umgang mit Menschen“ von 1788 gibt es mehr als genug Bücher zum Thema. Sich auf unterschiedlichem Parkett oder bei Tisch sicher bewegen können, verspricht einen Vorsprung beim gesellschaftlichen Aufstieg. Die Soft Skills machen den Unterschied für die erfolgreiche Karriere. „Wenn ich mit jungen Menschen in einem Unternehmen arbeite, dann steht oft die Botschaft des Arbeitgebers dahinter: Wir zeigen Dir jetzt, was wir von Dir erwarten. Das ist bei uns üblich an Umgang, Kleidung, Haltung. Das ist die Richtung, die wollen wir auch sehen“, erzählt Nandine Meyden aus ihrem Seminar-Alltag. Viel lernen kann jeder, der sich für Umgangsformen interessiert, auch vom Adel. Alexander von Schönburg-Glauchau, Bruder von Gloria von Thurn und Taxis, Journalist und u. a. Kolumnist im Deutschen Adelsblatt, war mehrere Male bei der englischen Queen zu Besuch und hat über die Begegnungen mit dieser bestimmt niemals als unhöflich wahrgenommen Respektsperson ein Buch geschrieben. Sie versuchte etwa, ihren oft sehr verlegenen Gesprächspartnern zu helfen, indem sie durch das Öffnen der Leckerli-Dose ihre Corgis herbeirief und sie durch das Schließen wieder wegschickte. So oft, bis es ihrem Gegenüber gelang, sich zu entspannen.
„Der einzige Mensch, der sich vernünftig benimmt, ist mein Schneider. Er nimmt jedes Mal neu Maß, wenn er mich trifft, während alle anderen immer die alten Maßstäbe anlegen in der Meinung, sie passten auch heute noch.“
Etikette richtig machen
Das Hotel Vier Jahreszeiten bietet Kurse für Kinder, Jugendliche und Erwachsene an.
Bei Schrittmacher liegt der Fokus auf Kommunikation und Outfit.
Nandine Meyden gibt Seminare für Stil- und Umgangsformen.
Generelle Informationen zum Thema erhalten Interessierte beim Knigge-Rat.