Natur zum Anfassen

Zwischen Ziegen und Axolotl: Ein Rundgang durch das neue Ökotarium

Schule · · 9 Min. Lesezeit · von Sophie Rhine
Aquarium im Ökotarium
Lernen zwischen Aquarien: Im neuen Ökotarium können Kinder und Jugendliche Natur unmittelbar erleben.

Ziegen streicheln, Seesterne fühlen und Mikroplastik untersuchen: Im neuen Ökotarium wird Umweltbildung zum Erlebnis. Standortleiter Fabian Kusterer nimmt uns mit auf einen Rundgang durch den Umwelt-Campus in Osdorf.

Die Schafe haben uns längst entdeckt. Noch stehen sie ein paar Meter entfernt auf der Weide, doch die ersten Tiere kommen bereits näher. Anlocken muss Fabian Kusterer und sie nicht – und genau das will er auch nicht. „Wir haben bei allen Tieren das doppelte Prinzip der Freiwilligkeit“, erklärt der Standortleiter des Ökotariums. Zuerst entscheiden die Kinder, ob sie überhaupt auf die Weide möchten. Dann entscheiden Schafe und Ziegen, ob sie Kontakt aufnehmen. „Wir gehen niemals zu den Tieren hin, sondern die kommen immer zu uns.“

Es ist ein kleiner Moment, der ziemlich gut beschreibt, wie in Osdorf Umweltbildung funktionieren soll: nicht nur erklären, was Natur ist, sondern anfassen, beobachten, ausprobieren – und dabei lernen, dass ein Tier eben kein Unterrichtsmaterial ist, das auf Knopfdruck funktioniert. Seit Donnerstag, 20. August 2026, läuft der reguläre Veranstaltungsbetrieb im neuen Ökotarium, am Freitag, 28. August 2026, folgte die offizielle Eröffnung. Der außerschulische Lernort des Landesinstituts für Qualifizierung und Qualitätsentwicklung in Schulen führt die Arbeit des früheren Zentrums für Schulbiologie und Umwelterziehung (ZSU) fort. Fünf große Bereiche gehören zum Umwelt-Campus: die Lernwerkstätten Aquarium, Vivarium, Schulgarten und Umweltschule sowie der Tierbegegnungshof.

Tiere sind die besten Türöffner

Ziege im Ökotarium
Nähe gehört zum Konzept: Beim Tierkontakt entscheiden Kinder und Tiere selbst, wie nah sie sich kommen.

Was bei den jüngeren Gästen am besten funktioniert? Da muss Kusterer nicht lange überlegen. „Grundsätzlich alles mit Tieren.“ Rund 50 bis 60 Prozent der Besucherinnen und Besucher kommen aus Vorschulen und Grundschulen, erzählt er. Auf dem Tierbegegnungshof leben unter anderem Ouessant-Schafe. Bedrohte Haustierrassen stehen hier auch für die Frage, welche Verantwortung der Mensch für ihren Erhalt trägt. Anders als hoch spezialisierte moderne Züchtungen waren sie häufig Mehrnutzungstiere: Sie lieferten nicht nur besonders viel Fleisch, Milch oder Wolle, sondern von allem etwas. „Wir haben die Tiere gezüchtet, wir sind dafür verantwortlich, dass die auf dem Planeten überhaupt leben“, sagt Kusterer. Die offizielle Ausrichtung des Tierbegegnungshofs greift genau diesen Zusammenhang zwischen Tierzucht, genetischer Vielfalt und nachhaltiger Landwirtschaft auf.

Bei den Ziegen geht es derzeit etwas gemächlicher zu. Die beiden Afrikanischen Zwergziegen sind schon mehr als 14 Jahre alt und verbringen hier ihren Lebensabend. Später sollen auch bei ihnen bedrohte Haustierrassen einziehen. Aus dem Tierkontakt wird schnell Unterricht: Im Schaf- und Wolle-Programm beschäftigen sich die Kinder damit, wie aus der Rohwolle eines Schafes überhaupt ein nutzbares Material wird. Wolle wird gewaschen, untersucht und verarbeitet, am Ende können etwa kleine Filzbälle oder Freundschaftsbänder entstehen. Auch bei den Hühnern geht es nicht nur ums Gucken. Sobald das neue Hühnerhaus fertiggestellt ist, soll wieder rund ums Ei geforscht werden.

Was im Gartenteich alles lebt

Ein paar Schritte weiter beginnt die Lernwerkstatt Schulgarten. Zwischen Beeten, Wildbienenflächen und Wasserbiotopen geht es um Pflanzenvielfalt, Boden, Wasser, Klima und die Frage, wie Lebensmittel überhaupt entstehen. An den Teichen reicht für den Anfang allerdings ein Kescher: Schülerinnen und Schüler holen vorsichtig kleine Bewohner aus dem Wasser, bestimmen Tiere und Pflanzen und betrachten ihre Funde anschließend genauer. Eine Mückenlarve sieht unter der Lupe plötzlich ganz anders aus als später am Schlafzimmerfenster, eine Libellenlarve entpuppt sich als ziemlich eindrucksvoller Räuber. Es sind genau diese Entdeckungen, die den Rundgang durchs Ökotarium prägen: Dinge, an denen man draußen wahrscheinlich vorbeigelaufen wäre, werden plötzlich interessant.

Wildbienenbereich im Ökotarium
Auch Wildbienen bekommen auf dem Gelände des Ökotariums mehr Raum.

Auch Wildbienen sollen auf dem Gelände stärker in den Mittelpunkt rücken. Wo früher Honigbienen gehalten wurden, entsteht seit rund zwei Jahren ein Bereich speziell für Wildbienen. Perspektivisch hofft das Team dabei auch auf eine Zusammenarbeit mit der Universität Hamburg. Und dann geht es von der Hamburger Gartenwelt ziemlich abrupt an die Nordsee.

Nordsee zum Anfassen

Aquarium im Ökotarium
Im Aquarium bleibt es nicht beim Blick durch die Scheibe: Ausgewählte Tiere dürfen vorsichtig berührt werden.

In der Lernwerkstatt Aquarium wird es deutlich kühler. Rund zwölf Grad hat das Wasser im großen Meeresaquarium. Fische ziehen zwischen Steinen und Pflanzen hindurch, Seesterne sitzen auf dem Grund, dazwischen Anemonen und weitere Bewohner des Lebensraums. Auch Katzenhaie leben hier. Die Tiere stammen überwiegend aus Einrichtungen in Norddeutschland, unter anderem aus dem Multimar Wattforum in Tönning. Das Ökotarium baut nach Angaben Kusterers sein Netzwerk mit anderen Aquarien weiter aus und setzt, wo es möglich ist, auf Nachzuchten.

Vor allem aber bleibt es für die Kinder nicht beim Blick durch die Scheibe. Nach gründlichem Händewaschen ohne Seife dürfen sie in ausgewählten Becken vorsichtig Kontakt aufnehmen: einen Seestern fühlen oder erleben, wie sich eine Anemone an der Hand festhält. Auch hier gelten klare Grenzen. Kein Tier wird aus dem Wasser genommen, keines einfach gepackt. „Wir haben dieses Prinzip des Kontakts bei uns in allen Bereichen“, erklärt Kusterer. Wie intensiv Schülerinnen und Schüler in die Themen eintauchen, hängt vom Alter ab. Für Vorschul- und Grundschulkinder gibt es Angebote von etwa 90 Minuten, ältere Klassen können bis zu fünf Stunden im Ökotarium verbringen. Die Fühlbecken sind auch offiziell Teil des Meere- und Flüsse-Bereichs der Lernwerkstatt Aquarium.

Wenn Minecraft beim Artenschutz hilft

Ein paar Becken weiter wartet ein Tier, das Kusterer bei Kindern kaum noch vorstellen muss: der Axolotl. Der mexikanische Schwanzlurch ist durch das Computerspiel „Minecraft“ zu einer kleinen Berühmtheit geworden. „Die kennen den alle“, erzählt Kusterer beim Rundgang. Das digitale Vorwissen lässt sich hier ziemlich elegant in Biologieunterricht verwandeln. Denn während der Axolotl in der Popkultur allgegenwärtig ist, sieht seine Situation in der Natur vollkommen anders aus.

Und das Tier kann noch etwas, das selbst ohne Computerspiel beeindruckt: Axolotl besitzen außergewöhnliche Regenerationsfähigkeiten. Verlorene Körperteile können nachwachsen, selbst Knochen können sich neu bilden. Entsprechend interessant sind die Tiere auch für die Forschung. Artenschutz ist im Ökotarium deshalb mehr als ein Begleitthema. Der Standort beteiligt sich an Citizen Conservation, einem Programm zur Erhaltungszucht bedrohter Tierarten. Im eigenen Artenschutz-Raum werden Fische und Amphibien nachgezüchtet. Kusterer möchte perspektivisch auch Schulen einbinden und das Ökotarium als Hamburger Anlaufstelle etablieren.

Im Flüsse-Bereich der Lernwerkstatt Aquarium rückt das Thema dann ganz nah an Hamburg heran. Hier geht es um heimische Süßwasserökosysteme und unter anderem um Fischarten der Elbe. Kusterer kennt dabei ein Problem aus dem Unterricht: Kinder sehen einen braunen Fluss – aber nicht unbedingt den Lebensraum darunter. Das Aquarium macht sichtbar, was sonst verborgen bleibt. Und es zeigt, dass das, was auf Hamburger Straßen weggeworfen wird, über Wind, Regen und Kanalisation irgendwann im Wasser und schließlich im Meer landen kann.

Frosch im Ökotarium
Artenschutz gehört zu den Schwerpunkten des Ökotariums – unter anderem bei Amphibien und Fischen.

Schlangen, Geckos und eine Mäuseburg

In der Lernwerkstatt Vivarium geht die Reise weiter. Bei Reptilien, Amphibien und Wirbellosen geht es um Lebensräume, Anpassungen und verantwortungsvolle Tierhaltung. Im Terrarien-Raum leben unter anderem Korn- und Bullennattern, verschiedene Geckoarten und Bartagamen; ein weiterer Bereich widmet sich Wirbellosen. Im eigenen Nagetier-Raum wird bei den Meerschweinchen eine Frage wichtig, die für viele Kinder ganz praktisch ist: Was braucht ein Haustier eigentlich wirklich? Ein einzelnes Meerschweinchen im kleinen Käfig? Keine gute Idee. Die Tiere sind sozial, brauchen Artgenossen, Platz und Beschäftigung. Im Ökotarium wird daraus nicht nur Biologieunterricht, sondern auch Entscheidungshilfe für Familien, die über ein Haustier nachdenken.

Noch anschaulicher wird es bei den Mäusen. Auf einer großen „Mäuseburg“ können Kinder beobachten, wie die Tiere klettern, Futter suchen, schnüffeln und miteinander umgehen. Selbst ein Wechsel der Gruppen wird zum Verhaltensexperiment: Kommen neue Mäuse auf die Anlage, treffen sie zunächst auf die Gerüche ihrer Vorgänger – und reagieren vorsichtiger. „Da können die Kinder stundenlang sitzen und Mäuse beobachten“, erzählt Kusterer.

Maus im Ökotarium
Auf der Mäuseburg können Kinder beobachten, wie sich die Tiere bewegen und verhalten.

Ein Neubau mit Hindernissen

Dass all das heute in neuen Räumen möglich ist, hat deutlich länger gedauert als gedacht. 2020 wurden an den alten Gebäuden erhebliche bauliche Probleme festgestellt. Eine Sanierung kam schließlich nicht mehr infrage, stattdessen wurde neu gebaut. 2022 begannen die Arbeiten. Zwei Jahre später konnte das Team zunächst einziehen – doch dann folgte der nächste Rückschlag. Nach einem Starkregenereignis lief ein versandetes Siel über, das Erdgeschoss wurde unterspült. Rund anderthalb Jahre weitere Arbeiten waren nötig. Erst im Dezember 2025 beziehungsweise Januar 2026 konnte das Team endgültig einziehen. Aus ursprünglich geplanten zwei Jahren waren vier geworden.

Dafür ist nun vieles möglich, was im alten Gebäude kaum denkbar gewesen wäre. Allein das Labor umfasst 115 Quadratmeter. Tierhaltungsräume, Aquarium und Terrarien wurden bei der Planung direkt berücksichtigt. Das Gebäude besitzt zudem eine Photovoltaikanlage und ein Gründach, auch der Außenpavillon ist begrünt. Ganz fertig ist das Ökotarium trotzdem noch nicht: Einzelne Bereiche des Außengeländes entwickeln sich weiter, das neue Hühnerhaus fehlt noch und weitere Bildungsangebote kommen hinzu.

Luftaufnahme vom Ökotarium
Neubau mitten im Grünen: Photovoltaik und begrünte Dächer gehören zum neuen Umwelt-Campus.

Naturerlebnis trifft Hightech

Spätestens in der Lernwerkstatt Umweltschule wird klar, dass Umweltbildung hier nicht automatisch Gummistiefel und Kescher bedeutet. Themen wie Klima, Ressourcen, Konsum und Energie werden mit praktischen Experimenten und der Frage verbunden, was das eigene Handeln damit zu tun hat. Die Umweltschule ist der zentrale Bereich des Ökotariums für Bildung für nachhaltige Entwicklung; zu ihren Angeboten gehört auch die Energiewerkstatt.

Im Labor wird es noch technischer: Digitale Messgeräte werden mit Tablets verbunden, beim Angebot „Neuroscience Life“ geht es um Neurophysiologie und Digitalisierung. Die Ausstattung erlaubt Experimente, die eine einzelne Schule kaum dauerhaft vorhalten könnte. Für die Klassenstufen sieben bis zehn gibt es zudem „Mikroplastik im Meer“. Proben, Lebensmittel und Kosmetika kommen unters Mikroskop, ebenso ein Speisefisch. Ein Umweltproblem, das im Unterricht schnell abstrakt wirken kann, liegt plötzlich direkt auf dem Labortisch.

Und selbst Virtual Reality hält Einzug. Gemeinsam mit Partnern wird an einem Format gearbeitet, bei dem Schülerinnen und Schüler einen versiegelten virtuellen Schulhof umgestalten können. Sie entsiegeln Flächen, pflanzen und schaffen Lebensräume. Insekten und Vögel reagieren darauf und zeigen, was noch fehlt. Perspektivisch könnte sogar der eigene Schulhof eingescannt und virtuell verändert werden. Die offizielle Seite führt das VR-Format als Kooperation mit Shape Shift und der HAW Hamburg. So weit entfernt ist die VR-Brille vom Schaf auf der Weide am Ende gar nicht: Beides soll ökologische Zusammenhänge nicht nur beschreiben, sondern erfahrbar machen.

Schulklasse im Ökotarium
Die neuen Lernräume verbinden praktische Umweltbildung mit moderner Ausstattung.

„Jackpot, definitiv“

Fabian Kusterer im Ökotarium
Fabian Kusterer leitet das Ökotarium und unterrichtet weiterhin am Gymnasium Allee.

Hinter all dem steht ein 16-köpfiges Team aus Tierpflege, Garten, Technik, Pädagogik und weiteren Fachbereichen. Kusterer selbst ist nicht nur Standortleiter, sondern weiterhin Lehrer am Gymnasium Allee. Die Hälfte seiner Arbeitszeit verbringt er dort und beschäftigt sich ebenfalls mit Bildung für nachhaltige Entwicklung.

Seine Verbindung zum Hemmingstedter Weg reicht allerdings weiter zurück. Schon während seines Referendariats 2014/15 lernte er den damaligen Standort kennen, später kam er mit eigenen Klassen wieder und engagierte sich im Förderverein. Dass er irgendwann selbst hier arbeiten könnte, hatte er sich damals schon vorstellen können. Heute leitet er den ganzen Standort. Wie sich das anfühlt? „Jackpot, definitiv.“

Ökotarium – Umwelt-Campus Hamburg

Adresse: Hemmingstedter Weg 142, 22609 Hamburg
Telefon: 040 428842-950
E-Mail: oekotarium@li.hamburg.de
Standortleitung: Fabian Kusterer
ÖPNV: S1 bis Klein Flottbek/Botanischer Garten, anschließend etwa zwölf Minuten zu Fuß; Metrobus 21 bis Hemmingstedter Weg, anschließend etwa fünf Minuten zu Fuß.

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Sophie Rhine
Sophie Rhine
Redakteurin Print / Online
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