Welthandel

Trump, Iran, Taiwan: Wie widerstandsfähig ist Hamburgs Wirtschaft?

Wirtschaft · · 8 Min. Lesezeit · von Tim Holzhäuser
Hamburger Hafen, Luftansicht
Wenn aus Stärke Schwäche wird: Der Hamburger Hafen ist ein solider Wirtschaftsmotor – aber gerade durch seine Vernetzung schlagen globale Krisen voll durch.

Ein Jahr nach dem ersten großen Zoll-Schock fällt die Bilanz für Hamburg gemischt aus: Der Handel mit den USA ist massiv eingebrochen, gleichzeitig konnten Unternehmen neue Märkte erschließen. Doch während sich die Wirtschaft an die veränderten Bedingungen anpasst, rücken bereits die nächsten geopolitischen Krisen in den Fokus.

Ein Jahr ist es her, da hat der KLÖNSCHNACK Firmen und Institutionen in Hamburg nach den Auswirkungen des ersten Schocks gefragt: Am „Liberation Day“ hatte US-Präsident Donald Trump im Rosengarten des Weißen Hauses eine Tafel enthüllt, auf der Zölle für praktisch die ganze Welt aufgeführt waren. Der ungehinderte Handel mit den USA, wie er bis dahin gepflegt und geschätzt wurde, war vorbei. 2025 wurde deutlich, dass gerade die Außenhändler und Logistiker in Hamburg kalt erwischt wurden und praktisch auf Sicht fahren mussten.

Der Zoll-Schock in Zahlen

Heute, ein Jahr später, kann erstmalig der „Flurschaden“ genau beziffert werden. In diesem März veröffenlichte das Statistikamt Nord brutale Zahlen. Danach sackten 2025 die Ausfuhren der Hamburger Wirtschaft in die USA  um 55,2 Prozent ab, von 5,6 Milliarden Euro auf 2,2 Milliarden Euro. Ein in Friedenszeiten wohl beispielloser Kollaps.

2025 sanken die Ausfuhren nach Amerika um 55,2 Prozent – ein in Friedenszeiten beispielloser Kollaps ...

Dementsprechend ist die Stimmung etwa beim AGA Unternehmensverband (Groß- und Außenhandel): „Schlechter als erhofft, aber in Teilen noch beherrschbar“, schreibt Präsident Hans Fabian Kruse auf eine Anfrage des Klönschnack. „Der durchschnittliche US-Importzoll für EU-Waren lag Anfang 2025 noch bei knapp 2 Prozent, inzwischen gelten mindestens 15 Prozent. Für die Unternehmen bedeutet das höhere Kosten, dünnere Margen und deutlich mehr Aufwand bei Zollabwicklung und Planung.“

Die Handelskammer Hamburger bestätigt diesen Eindruck, ergänzt jedoch einen wichtigen Punkt, der uns weiter unten noch beschäftigten wird: „Gleichzeitig bleibt festzuhalten, dass die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen auf den Standort Hamburg bislang begrenzt sind. Da die US-Zölle weltweit gelten, entstehen Hamburger Unternehmen keine strukturellen Wettbewerbsnachteile gegenüber Drittstaaten.“

Anpassung statt Stillstand

Heute wird auch klar: Die Schockstarre im April 2025 währte nur kurz. Auch den Akteuren in Hamburg muss damals schnell klar geworden sein, dass das Problem der tariffs nicht zeitlich begrenzt sein würde. Anpassungsstrategien mussten her. So hieß und heißt es vom Verband Deutscher Reeder, ansässig in Hamburg: „Grundsätzlich gilt: Die Ware findet ihren Weg, auch wenn sich Transportwege verändern.“ Hinzu kamen Bemühungen, die Diversifikation zu erhöhen, also Abhängigkeiten zu verringern und das Geschäft breiter aufzustellen – durch Handelsbeziehungen mit anderen Regionen. Auch Stimmen aus Hamburg hatten 2025 von der Politik schnelle Reaktionen verlangt und die Bereitschaft, eigene „deals“ voranzutreiben.

Das blieb nicht ohne Erfolg. Abkommen mit südamerikanischen Regionen (EU-Mercosur) sollen in diesem Jahr erstmalig angewendet werden (1. Mai). Die EU arbeitet an weiteren Regelungen mit Indien, die über 90 Prozent der bisher anfallenden Zölle abbauen soll. Auch ein Rohstoffdeal mit Indonesien kann als Reaktion auf den Kurs der US-Administration verstanden werden. Bemerkenswert ist auch der weiterhin starke Handel mit Asien. Die Ausfuhren nach Asien nahmen im letzten Jahr laut Statistikamt Nord um 18,3 Prozent zu. Schwergewicht hier war nach wie vor China: Plus 32,9 Prozent. Das mag etwas überraschend klingen, wird China in der Presse zumeist als Wirtschaftsrivale dargestellt, der deutschen Unternehmen Markanteile abnimmt.

Das bedeutet jedoch nicht automatisch abnehmende Frachtmengen. Allenfalls die Richtung kann sich umkehren. Der AGA Unternehmensverband beobachtete weiterhin vermehrte Exporte in den Euro-Raum. Es ist hier und da etwas in Vergessenheit geraten, aber die EU ist einer der größten Handelsakteure weltweit, auf einem Level mit China. Das Statistikamt Nord bestätigt diesen Eindruck: Die Ausfuhren der Hamburger Wirtschaft in die EU nahmen um zehn Prozent zu und steigen damit auf 35,2 Mrd. Euro.

Mehr als nur Hafenwirtschaft

All diese positiven Effekte haben die Handelsverluste mit den USA nicht kompensiert. Dennoch, und auch das klingt nicht selbstverständlich, ist die Wirkung der US-Zölle und der damit verbundenen Handelshemmnisse auf die Hamburger Gesamtwirtschaft moderat. Das liegt zum einen an den überschaubaren Dimensionen in absoluten Zahlen. Während die Ausfuhren in die USA etwa einen einstelligen Milliardenbetrag erzeugen, sind es allein innerhalb der EU die erwähnten 35,2 Milliarden. Die USA waren für den Hamburger Handel nie das Schwergewicht.

Zum anderen ist der „Spezialisten-Bonus“ für den vergleichsweise milden Verlauf verantwortlich. In Hamburg sind viele Unternehmen tätig, die hoch spezialisierte Produkte anbieten, etwa im Bereich Pharma. Solche Produkte lassen sich nicht kurzfristig ersetzen und so hielten sich die negativen Effekte in dieser Branche auch in Grenzen. Insgesamt hat sich Hamburg von der bundesdeutschen Stagnation leicht abgesetzt. Dies bestätigte im April erneut das Statistikamt Nord im Rahmen einer vorläufigen Berechnung: Während das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland 2025 real um gerade einmal 0,2 Prozent wuchs, waren es in Hamburg im gleichen Zeitraum 0,8 Prozent, also das Vielfache. Hauptträger des Wachstums war das verarbeitende Gewerbe, das real um 3,5 Prozent zulegte. Hamburg ist mehr als Hafen, das erweist sich in Zeiten globaler Handelskrisen als Vorteil.

Jeder, der die Nachrichten verfolgt, muss erkennen, dass die Tragweite der Krisen zunimmt ...

Also Entwarnung? Nein, im Gegenteil. Jeder, der die Nachrichten verfolgt, muss erkennen, dass die Tragweite der Krisen zunimmt.

Minenjagdboot
Wird die Bundeswehr in der Straße von Hormus eingesetzt? Minenjagboote wie die Bad Bevensen wären für den Einsatz geeignet, aber stimmt die Legitimation?

Stichwort Iran-Krieg. Hamburgs größte Reederei, Hapag-Lloyd, gab im April bekannt, dass die aktuelle Situation rund um die Straße von Hormus zu Kosten von rund 50 Millionen Euro führt – pro Woche. Das Unternehmen sieht sich derzeit gezwungen, einzelne Dienste vorübergehend auszusetzen. Schiffe werden umgeroutet, Waren auf Schiene und Straße verlagert. „Allerdings sind diese Optionen in ihrer Kapazität begrenzt und können den regulären Seeweg durch die Region nicht vollständig ersetzen“, schreibt die Reederei.

Währenddessen mehren sich Stimmen, die auf eine Schwäche des US-Präsidenten hinweisen. Donald Trump hat zentrale Wahlversprechen nicht eingelöst und verprellt Teile seiner Basis. Trumps Machtverlust könnte daher mit den midterms im November beginnen und 2028 nach seiner Abwahl besiegelt sein. Der nächste Präsident könnte Gavin Newsom, Alexandria Ocasio-Cortez, JD Vance oder Ron de Santis heißen. Was würde sich dadurch ändern?

Wenig – darüber ist man sich in Hamburg  weitgehend einig. Aus dem AGA Unternehmensverband heißt es: „Protektionismus ist in den USA längst kein kurzfristiger Reflex mehr, sondern Teil eines breiteren industrie- und sicherheitspolitischen Denkens. Selbst wenn sich rechtliche Grundlagen einzelner Zölle verändern oder einzelne Maßnahmen vor Gericht scheitern, spricht vieles dafür, dass Washington auf andere Instrumente ausweicht.“

Marine Expedition
Die Angst vor der Eskalation rund um die Straße von Hormus hat Gesichter: US-Marines der 31st Marine Expeditionary Unit gehen an Bord des amphibischen Angriffsschiffs USS Tripoli. Im Fall einer Bodenoffensive wäre dies die erste eingesetzte Einheit von Seiten der USA.

Auch der Verband Deutscher Reeder (VDR) bereitet seine Miglieder auf dauerhaft anspruchsvolle und volatilere Rahmenbedingungen vor. Die Handelskammer steuert Zahlen bei: Laut einer Umfrage berichten 69 Prozent der deutschen Unternehmen von zunehmenden Barrieren im internationalen Geschäft – ein neuer Höchststand: „Geopolitische Spannungen, wirtschaftspolitische Interessen und sicherheitsgetriebene Industriepolitik führen dazu, dass sich viele Volkswirtschaften stärker abschotten. Vor diesem Hintergrund rückt für Unternehmen auch die Diversifizierung in neue Regionen wie Indien oder Teile Lateinamerikas stärker in den Fokus. Umso wichtiger ist es, dass die EU ihre Handelsagenda aktiv vorantreibt und neue Freihandelsabkommen zügig abschließt.“

Während nun Verhandlungen über neue Abkommen forciert werden, zeichnen sich bereits neue Krisenherde ab. Trump befindet sich in seiner (wahrscheinlich) letzten Amtszeit und ist ganz offensichtlich damit beschäftigt, unter jedes außenpolitische Problem der USA einen Haken zu machen. Das heißt: Kuba und dann Taiwan.

Hans Fabian Kruse, AGA
Hans Fabian Kruse, AGA: „Strategisch noch gravierender wäre allerdings eine Zuspitzung im Verhältnis zwischen den USA und China, insbesondere mit Blick auf Taiwan, Halbleiter, kritische Rohstoffe und die maritimen Routen im indopazifischen Raum.“

Ein Konflikt im Westpazifik – das ist der Stoff, der Reeder nachts wach hält, gerade in Hamburg. Die Sperrung der Straße von Hormus ist zuerst einmal ein Tanker-Problem. Wie gezeigt, schlagen die Folgen auf die gesamte Volkswirtschaft durch, aber eher mittelbar. Die großen Öltanker legen nicht in Hamburg an; der Elbhafen ist ein Standort für den Containerverkehr. Würden nun Handelswege im Westpazifik und im Südchinesischen Meer beeinträchtigt, käme es nach der Einschätzung von Fachleuten zu ungleich größeren Störungen von Lieferketten. Gerade aus der Perspektive hanseatischer Containerlogistik wäre das ein perfekter Sturm. Die Gewässer rund um Taiwan dienen als zentrale Routen für Waren zwischen Asien und Europa. Sie sind quasi die Hauptverbindung zwischen China, Südkorea, Japan und letztlich Hamburg. Die Geschehnisse rund um Iran zeigen, wie rasch es zu massiven Ausfällen, Verspätungen und explodierenden Kosten kommen kann. Die Folgen für europäische Industrien, die ihre Lagerhaltung auf den Frachter verlegt haben („Just-in-time“-Lieferungen) müssten von heute auf morgen die Produktion drosseln oder sogar einstellen. In letzter Konsequenz könnte China als „Werkbank der Welt“ ausfallen.

Taiwan Skyline
Taiwan. Die Gewässer rund um die Insel gehören zu den Haupthandelsrouten der Welt. Störungen vom Kaliber der aktuellen Irankrise hätten hier ungleich schwerere Folgen.

Analysten gehen aber davon aus, dass die Folgen für die USA selbst noch drastischer ausfallen könnten. Häfen wie der Port of Los Angeles sind extrem abhängig vom Handel mit China; die Schäden wären enorm – und wahrscheinlich politisch untragbar.

Gerade hier liegt die Hoffnung. Amerikanische Börsenhändler haben mittlerweile den Begriff taco geprägt. Das ist mitnichten ein Verweis auf mexikanische Küche sondern ein Akronym: Trump Always Chickens Out. Zu Deutsch: Der US-Präsident bekommt jedes Mal kalte Füße und, verzeihung, verpisst sich. Eine Kerngruppe seiner Wähler sind Pensionäre, die ihre Altersvorsorge in Form von Aktiendepots halten. Aus dem Dow Jones wird so ein Disziplinierungswerkzeug. Selbst der mächtigste Mann der Welt wird von ihm regelmäßig in den Korridor der Mäßigung zurückgetrieben.

Alles in allem wird sich der Handelsstandort Hamburg an die neuen Gegebenheiten gewöhnen müssen. Vielleicht gelangen wir auch zu der Erkentnis, dass es die Normalität ist und die ruhigen 90er-Jahre eine Art paradiesische Anomalie.

Hamburgs wichtigste Handelspartner in Standardcontainern (TEU)

China 2,3 Mio.
USA 509.700
Singapur 439.700
Polen 364.600
Malaysia 354.200
Indien 290.500
Schweden 286.800
Finnland 270.100
Großbritannien 228.700
Dänemark 188.800


Zahlen 2025, Quelle: hafen-hamburg.de

Tim Holzhäuser
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