Herr Ruppaner, Sie haben 2011 an ihrer Alemannenschule Wutöschingen einen großen Schritt in Richtung Bildungsreform gemacht. Sie haben alles aussortiert, was Schule sonst ausmacht?
Ja, aus unserer Grund- und Werkrealschule haben wir 2011 eine Gemeinschaftsschule gemacht. Heute begleiten wir Kinder und Jugendliche von Klasse 1 bis 13. Aber bei uns ist etwas ganz anders als an anderen Schulen: Wir machen keinen Unterricht, wir haben keine Klassenzimmer, wir haben keine Stundenpläne, keine Noten. Lehrer sind Lernbegleiter (Coaches), Schüler sind Lernpartner. Wir verzichten auf feste Prüfungstermine und es gibt Clubs statt Nebenfächer.
Das klingt radikal! Was war der Anlass?
Die Anmeldezahlen waren niedrig, uns drohte die Schließung. Vor einigen Jahren hatte ich die Dokumentation „Treibhäuser der Zukunft“ von Reinhard Kahl gesehen. Die hat mich nachdrücklich beeindruckt, regelrecht verfolgt. Der Film zeigt Beispiele von Schulen, die mit alternativen Ansätzen herausragende Bildungserfolge erreichten.
Da wusste ich, wir müssen uns ändern, um wieder ein attraktiver Lernort zu sein.
Dafür schafft man direkt den Unterricht ab?
Ja! In meiner Laufbahn als Lehrer habe ich zunächst klassischen Unterricht gemacht. 45-Minuten lang habe ich den Kindern gesagt, was sie zu machen haben. Oft habe ich mich gewundert, wenn das die Kinder gar nicht interessiert hat. Da ging mir auf, dass ich immer an den Schülern vorbei unterrichtet hatte. Kinder wollen ja lernen, aber eben nicht mit Zwang. Deswegen fingen wir klein an und schufen zunächst nach der Philosophie von Peter Fratton eine angenehme Lernumgebung – die frei von Zeit und Raum ist und die Kinder einlädt, wann und wo sie wollen – ganz nach ihrem Tempo zu lernen.
In Ihrem Buch „Das könnte Schule machen“ erklären Sie das Prinzip der Alemannenschule. Was ist noch anders an Ihrer Schule?
Wir haben gewohnte Begriffe umbenannt: Die Schulhäuser heißen Lernhäuser und sind modern und einladend eingerichtet. Jedes Lernhaus hat ein Lernatelier zum Stillarbeiten und einen Marktplatz für den Austausch und gemütliche Ruhebereiche. Die Kinder dürfen sich in unserem Lerndorf frei bewegen und lernen da, wo sie möchten.
Was war denn das Problem am üblichen System?
Das haben wir getan, weil der Unterricht das Problem ist. Der nimmt den Kindern die Zeit zum Lernen und um Sachen zu machen, die Spaß machen und sie zusätzlich auch noch bilden. Weil wir keinen Frontalunterricht mehr machen, mussten wir auch die Lehrer umbenennen, die ja jetzt Lernbegleiter sind und bei Fragen jederzeit zur Verfügung stehen.
Verstehe ich das richtig? Lehrer sind Coaches und stehen nicht mehr vor der Klasse?
(lacht) Wir haben keine Klassen mehr, sondern nur noch Phasen. Bei uns mussten sich die Lehrer ganz schön umgewöhnen. Sie stehen den Kindern immer zur Seite und wöchentlich hat jeder Schüler ein Treffen mit seinem Lernbegleiter. Aber wir möchten die Kinder dazu ermutigen selbstorganisiert und selbstgesteuert zu lernen. Dafür brauchen wir keinen, der an der Tafel steht. Wir haben die Räume auch dadurch geöffnet, dass wir alles digital organisieren.
Wie kann ich mir das vorstellen?
Für das selbstbestimmte Lernen, wo und wann man will, brauchten wir ein Tool. Deswegen haben wir von Anfang an auf Digitalisierung gesetzt. Jeder Schüler hat ab Klasse fünf ein eigenes iPad. Dafür haben wir Tools erdacht wie unsere eigene Lernplattform DiLer, unser Materialnetzwerk, bei dem Teilziele hinterlegt sind. Der individuelle Stundenplan und ein Tagebuch, wo Lernpartner und Lernbegleiter wöchentlich notieren, was gut geklappt hat und was noch Übung braucht. All diese Informationen können auch Eltern einsehen. Die Digitalisierung hat es nötig gemacht, die Räume so anzupassen, dass ein Kind auch selbstständig lernen kann. Aber der Raum allein macht es nicht. Ganz viel macht die Beziehung, die Haltung zum Kind und zum Lernen.
Sind Sie ein Revolutionär?
Ich war viele Jahre Lehrer am Seminar und war angepasst. Dass ich jetzt ein „Revolutionär“ bin, hat sich so ergeben. Ich habe einfach geschaut, wie funktioniert Lernen aus Sicht der Kinder. Meine Haltung und mein Tun haben das beeinflusst. Manches hört sich deswegen revolutionär an, aber so war es nicht gedacht. Meine Überlegung war: Was braucht ein Kind zum Lernen, damit es ihm gut geht?
Und was wäre das?
Maria Montessori, Rudolf Steiner, Helen Parkhurst und andere hatten das längst erkannt. Ich habe mich voll aufgehoben gefühlt im traditionellen System. Was unsere Idee von denen von vor 150 Jahren unterscheidet, ist die Digitalisierung. Ich war Digital-Gegner. Alles, was ohne Strom lief, war gut. Dabei hat das Digitale mein Leben verändert. Plötzlich konnte ich ortsunabhängig arbeiten.
Unsere Lernpartner können lernen wann und wo sie wollen – das ist eine enorme Zeitersparnis! Keiner muss darauf warten, dass mal irgendeiner vorne etwas sagt. Keiner gibt Anweisungen. Die Kinder werden befähigt, ihr Leben selbst zu bestreiten.
Verplanen Eltern heute ihre Kinder nicht extrem mit voller Absicht?
Kinder lernen immer, warum also nicht auch bei Dingen, die ihnen wirklich Spaß machen? Endlich haben sie mehr Zeit für schöne Sachen, wie beispielsweise beim Bau eines Tiny Hauses zu helfen, ein Musical einzustudieren, eine Hütten-Wanderung zu machen, zu reiten oder um ein eigenes Erklärvideo zu produzieren, weil sie einen super Mathe-Trick kennen. Schlicht, in die Natur zu gehen. Paradoxerweise hat uns die Digitalisierung diese Freiheit geschenkt.
Vorreiter, wie Schweden, rudern jetzt zurück und werden wieder analoger …
Das ist logisch, die sind nie vom Unterricht weggekommen. Ein digitaler Unterricht macht keinen Sinn, wenn du im Klassenzimmer sitzt und sagst, schlagt mal alle Seite 27 im E-Book auf und Peter, lies mal vor. Das da die Hälfte etwas anderes macht, ein Spiel daddelt oder so, ist doch klar. Das iPad ermöglicht selbstorganisiertes Arbeiten. Zusammengefasst: Das Problem beim digitalen Unterricht ist nicht das Digitale, sondern der Unterricht.
Wie gehen die Lehrer mit all dem um?
Für uns Lehrer ist es wahnsinnig schwer, vom Unterrichts-Setting Abschied zu nehmen. Immer noch werden junge Lehrkräfte im Unterrichten ausgebildet. Wenn eine Referendarin an die Alemannenschule kommt, muss ich Schüler fragen, wer von ihnen ein dreiviertel Jahr Unterricht spielen würde, damit sie eine Prüfungslehrprobe machen kann. Das ist die Challenge, damit ich Lehrer werden kann. Dafür muss ich extra künstlichen Unterricht einrichten. Die Alemannenschule arbeitet mit den Kindern auf Augenhöhe.
Was müssen Lernbegleiter denn können?
Lernbegleiter sind ja bei uns Coaches. Es geht um Beziehungsaufbau und einen wertschätzenden Umgang. Die Hirnforschung hat ergeben, dass es Gefühle und Beziehungen braucht, um Inhalte im Gehirn zu verankern. Das haben wir uns zu Herzen genommen und handeln danach.
Die Schulen beschäftigen sich derzeit viel mit KI und ChatGPT. Was denken Sie darüber?
KI und OpenAI werden uns den ganzen Laden durcheinanderbringen.
Können Sie mir dafür ein Beispiel geben?
Schüler fragen zurecht, warum sie zum Beispiel eine Erörterung schreiben können müssen, schließlich wird das in Zukunft oft von der KI erledigt. Aber was man können muss ist, welche Argumente und welche Botschaft meine Erörterung vermitteln soll. Ich muss beurteilen können, ob ChatGPT es gut geschrieben hat oder ob es andere Argumente braucht. Die reine Texterstellung ist nicht mehr die Herausforderung. Wir müssen in Zukunft wissen, ob die Argumente stimmen, ob sie valide sind, ob es Fake News sind. Diese Sachen müssen wir üben.
Apropos üben: Sie verzichten auf Prüfungen?
Richtig. Für mich waren früher Klassenarbeiten Gott gegeben, auch wenn ich in den 90ern schon viel Freiarbeit gemacht habe. Ich wusste nicht, was formative Beurteilung ist, ich wusste nicht was ein Gelingensnachweis ist. Ich wusste nicht, dass die Klassenarbeit letztendlich das Lernen verhindert. Wenn Schüler dabei ein schlechtes Ergebnis erzielten, lernten sie das Thema doch nicht mehr nach, weil ja schon das nächste Thema angefangen hatte. Es wird von außen bestimmt, was gelernt wird. Das geht nicht.
Sie begleiten also den kontinuierlichen Lernprozess und benoten den?
Ja, jeder Schüler lernt in seinem Tempo individuelle Themen in Teilschritten. Der Lernbegleiter und andere Lernpartner, egal aus welcher Phase, unterstützen bei Bedarf. Dabei lernt dieser Schüler Schritt für Schritt alles über das Thema seiner Wahl und absolviert eine Wissensabfrage, wenn er sich so weit fühlt. Das nennen wir Gelingensnachweis.
Wie machen Sie das mit den Abiturprüfungen?
Ab der Oberstufe sind wir leider verpflichtet, klassische Klausuren zu festgelegten Terminen wie alle anderen auch zu schreiben.
Sind Sie mit den Ergebnissen zufrieden?
Sehr! Unsere Schüler sind unglaublich gut in Prüfungen. Der erste Jahrgang erreichte einen Durchschnitt von sagenhaften 1,7 und war damit fast eine halbe Note besser als der Durchschnitt der Abiturienten in Baden-Württemberg, der 2022 bei ebenfalls tollen 2,17 lag.
Wie läuft das generell mit Noten und Zeugnissen an der Alemannenschule?
Bis Phase sieben erteilen wir Verbalbeurteilungen, also Lernentwicklungsberichte. Ab Phase acht können die Kinder entscheiden, ob sie ein Wortgutachten oder Noten möchten. Danach gibt es nur noch Noten.
Was kritisieren Sie am gängigen Bildungssystem?
Themen sind veraltet; zum Beispiel die Analyse eines barocken Liebesgedichts steht noch drin. ChatGPT kann mir das abnehmen. Wie oft brauche ich das im Leben? Wir müssen stark entrümpeln. Es gibt so vieles, das wir im Schulwesen auf den Müll werfen müssen. Wir müssen sagen: „Danke, dass du mich so lange begleitet hast, aber jetzt ist es Zeit für etwas Neues.“
Was hält uns auf?
Wir denken in Fachschaften. Der Unterricht wird vom Lehrer und nicht vom Schüler aus gedacht. Das macht keinen Sinn. Darum sind die Lehrpläne so voll. Muss denn jeder wissen, wie die Fotosynthese funktioniert, oder wie ein Skelett aufgebaut ist? Warum dürfen die Kinder nicht lernen, was sie interessiert? Wir müssen von dem System wegkommen, in dem alle gleichzeitig alles gleich schlecht können müssen.
Laut Bildungsstudie von 2025 belegte Hamburg den dritten Platz im Schulranking. Die Schüler können Englisch, aber nicht lesen. Schulsenatorin Ksenija Bekeris betont, dass sie viel in Gebäude und Klassengrößen investiert und die Stundentafeln erhöht. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie das hören?
In Hamburg ist eine deutliche Aufbruchstimmung zu spüren, aber sie haben das gleiche Problem wie ganz viele. Sie kommen vom herkömmlichen Unterricht nicht weg. Dazu braucht es eine andere Haltung. Die kann ich halt nicht von oben befehlen, aber ich kann sie ermöglichen. Deswegen finde ich gut, was zum Beispiel Niedersachsen mit dem „Freiräume-Programm“ macht.
Was ist das Freiräume-Programm?
Es ermutigt Schulen zur eigenverantwortlichen Nutzung bestehender Spielräume, um Unterricht, Schulleben und Organisation zukunftsfähig zu gestalten. Es schreit: „Bewegt euch doch mal, macht mal was!“
Die Schulen dürfen sich ausprobieren und keiner schimpft. Diese Offenheit müssen wir hinkriegen – und das Bewusstsein wecken, dass unsere grundlegende Organisationsstruktur falsch ist.
Sie haben die alten Organisationsstrukturen durch eine eigene ersetzt: Die Schmetterlingspädagogik. Was steckt dahinter?
Dabei stehen die beiden Flügelseiten zum einen für das „Selbstorganisierte Lernen“ und zum anderen für das „Lernen durch Erleben“. Sie beinhaltet den kompetenten Umgang mit Medien, Technologien, Informationen und Daten; virtuelle und persönliche Kommunikation sowie Zusammenarbeit unter Berücksichtigung von Diversität.
Was kostet es, eine Schule nach eurem Vorbild gestalten zu wollen?
Wenn man alles so macht wie wir, also Bestand umzubauen und neue Lernhäuser zu bauen natürlich Millionen, aber es muss ja nicht jede Schule gleich alles einreißen. Es reicht ja schon, eigene Ideen zu entwickeln, wie Kinder freier lernen können. Alle Schulen und Interessierte können auf DiLer und das Materialnetzwerk zugreifen und sich da bedienen. Zudem werde ich für Vorträge eingeladen und gebe da auch gern Impulse.
Was ist Ihr aktuelles Ziel?
Mein Ziel ist es, dass Eltern Schulen fragen: Warum habt ihr keine Lernlandschaften? Warum macht ihr eigentlich noch Unterricht und kein Coaching? Dass sie sagen: Ihr seid altmodisch. Ändert das!
Eltern hinterfragen nicht genug?
Es gibt im Schulwesen so viele Verwaltungsvorschriften, die nicht im Sinne der Kinder sind. Wir müssen vieles abschaffen und die Autonomie der Schulen ermöglichen. Wir sagen nicht, dass alle Schulen jetzt so arbeiten müssen wie wir. Wir sagen nicht von oben, dass du das jetzt so machen musst. Das widerspricht ja total unserem Ansatz. Wir laden andere ein. Wir wollen keine Verpflichtung, sondern die Möglichkeit. Wir wollen, dass Kinder und Eltern die Chance erhalten, für ihr eigenes Handeln Verantwortung zu übernehmen. Freiräume geben, damit jeder sein Leben gestalten kann.
Gibt es schon Nachahmer?
Ja, es gibt viele Schulen, die sich inspiriert fühlen, zum Beispiel die Friedensschule Osnabrück. Wenn 20 Prozent des Kollegiums mitgehen, fangen viele Schulen an und überlegen, ob und wie sie die Schmetterlingspädagogik einführen.
Sie sind seit dem letztem Jahr in Rente. Was kommt jetzt?
Im Rahmen unseres „Materialnetzwerks“ gründen wir aktuell ein Institut für Schmetterlingspädagogik. Zunächst werden wir berufsbegleitend Lehrkräfte ausbilden; mehr ist in Planung. Alle Materialien sind kostenlos – auch Eltern sind eingeladen, sich auf dem Server umzusehen und sich in Bereichen der Schmetterlingspädagogik zertifizieren zu lassen. Ich möchte, dass Druck von der Gesellschaft auf das Schulsystem ausgeübt wird, weil wir uns verändern müssen. Das wäre schön. Wir müssen das System hinterfragen. So, wie es jetzt ist, kann es nicht weitergehen.
Was prophezeien Sie der Gesellschaft, wenn es so weitergehen würde?
Krass gesagt: Es bedeutet den Niedergang der Gesellschaft.
Was prophezeien Sie der Gesellschaft, wenn es so weitergehen würde?
Krass gesagt: Es bedeutet den Niedergang der Gesellschaft. Schluss mit Generationen, die auf Anweisungen warten. Wir brauchen Generationen, die von Anfang an Verantwortung übernehmen lernen. Die sagen: Okay, da gibt es Probleme, die lösen wir. Es braucht Zuversicht – auf mein Handeln kommt es an. Und was machen wir? Unterricht. Ich frage seit Jahren: Warum haben wir Klimakleber, aber keine Bildungskleber?
Haben Sie noch Hoffnung für das deutsche Bildungssystem?
Ja, ich glaube, wir werden die Bildungswende hinbekommen. Wir schaffen das. Je mehr mitmachen, desto leichter wird’s.
Ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch.
Zur Person:
Stefan Ruppaner war lange Lehrer. Bis er 2005 Rektor der Alemannenschule Wutöschingen wurde, die zu den innovativsten Schulen weltweit zählt. Die Schule erhielt zwei Mal den Deutschen Schulpreis. Heute ist der 67-Jährige Baden-Württemberger zwar in Rente, aber noch immer Aktivist für eine Bildungsreform. Er hat drei Kinder.








