GESELLSCHAFT
WARTEN. Am Puls der Zeit


Diese gewaltige Lücke füllt nun, bei aller Bescheidenheit, der KLÖNSCHNACK. Sie lernen im Folgenden die wesentlichen Formen des Wartens kennen, erhalten Handlungsanweisungen und erfahren, wer an der Warterei wirklich Schuld ist.
„Ich bin unpünktlich, weil ich die Schmerzen des Wartens nicht fühle. Ich warte wie ein Rind.“ Franz Kafka
Zunächst die verschiedenen Formen: Warten aufgrund überforderter Mitmenschen. Eine Anekdote kann hier illustrieren: Budnikowski Blankenese, 8.50 Uhr. Eine Frau legt Einkäufe auf das Laufband, Deos, Zeitungen. Der Kassierer scannt, will kassieren, aber die Kundin stoppt ihn: „Haben Sie das ‚Abendblatt’ etwa auch berechnet?“ Kassierer sieht auf, denkt „Hä?“ „Das gehört mir, das habe ich mitgebracht!“ „Und aufs Laufband gelegt?“ „Na ja, das passt eben nicht in die Handtasche!“

Kassierer seufzt. Bringt wortlos die Tester zurück. In der Kassenschlange entspinnen sich Freundschaften. Bei Rückkehr des Verkäufers mit den Originalen sagt die Dame: „Tja, da stand wohl kein Preis drauf?!“
Das Warten mit und aufgrund überforderter Mitmenschen vor Ladenkassen kostet den Bundesbürger jedes Jahr 168 Stunden an Lebenszeit und ist dennoch stoisch zu ertragen. Jeder Mensch füllt einmal die Rolle des Trottels aus und wird seinerseits für dieser Form der Wartezeit sorgen.
Davon zu unterscheiden ist das Warten aufgrund widriger Umstände. Auch hierzu eine Beobachtung. Einen KLÖNSCHNACK- Redakteur befällt Beklemmung. Er wartet auf ein wichtiges Paket, das überfällig ist, nun aber endlich ankommen soll. Tut es aber nicht. Anruf bei der DHL-Hotline.

„Ein sicheres Mittel, die Leute aufzubringen und ihnen böse Gedanken in den Kopf zu setzen, ist, sie lange warten zu lassen.“ Friedrich Nietzsche
„Öhm, äh, öh, der Zusteller hat die Adresse nicht gefunden. Das Paket geht jetzt zurück an den Absender.“ Redakteur: „Ich sehe Ihren Zusteller vom Fenster aus. Sagen Sie dem Typen, er soll einfach in die Straße reinfahren. Ich hole ihn ab.“
„Das geht nicht. Das Paket muss jetzt zurückgeschickt werden.“ Widrige Umstände, nicht mehr. Wenn in einem Museum Putzhilfen energisch einen Picasso restaurieren, gibt’s Zerstörung; wenn Blinde bei DHL ausfahren, gibt’s überhaupt nichts. Dunkel ist nicht plötzlich hell, nur weil der Kunde bezahlt hat.
Diese Form des Wartens ist am leichtesten zu ertragen. Es gibt keinen logischen Grund für auch nur einen Pulsschlag mehr. Selbst der DHL-Vorstand kann locker bleiben. Was soll er machen? Nach Hause gehen? Ein Lied singen?


Die Handlungsanweisung für das Warten auf Frauen ist dieselbe wie bei Geiselnahmen und Exekutionen. Auf die Atmung konzentrieren, an etwas Schönes denken, relativieren.
Eine Freude ist hingegen das Warten auf ein sicher eintretendes Ereignis. Es gibt Menschen, deren Sommerurlaub dauert nur zwei Wochen – aber er beginnt im Januar, gleich nach der Flugbuchung und endet mit dem Nachhausekommen im August. Diese Vorfreude ist meist intensiver als das tatsächliche Erlebnis. Sie lässt sich immer wieder anfachen durch Tagträume, Retsina oder Lektüre von Reiseführern.
„Dynamisch warten! Aktiv sitzen! Entschlossen schlafen!“ Grafitto
Wobei das eine Frage aufwirft: Ist das Warten mit Sprit und Buch überhaupt noch Warten? Das Wiktionary fordert ja: „Untätig sein, bis ein bestimmter Zustand eintrifft.“ Auch der Duden bekräftigt dies: „ausschauen, aufpassen, erwarten.“


Die nächste Form des Wartens ist das Zuwarten. Wir können es übergehen, weil es Bürokratendeutsch für den Terminus Warten an sich ist.
Gehen wir über zum Warten aufgrund sadistischer Veranlagung. Hierunter verbirgt sich der Begriff der suspense, geprägt von Alfred Hitchcock. In einer Filmszene sitzen zwei Menschen um einen Tisch und unterhalten sich. Wir sehen unter dem Tisch eine Bombe mit Zeitzünder und eine Uhr: fünf vor zwölf.
So was ist spannend, gradezu lustvoll. Wir wollen das verdammte Ding hochgehen sehen, aber nicht sofort. Langsam, ganz laaangsam! Es gibt eine ganze Gattung von Kurzfilmen dazu, die so genannten „fails“. Wir sehen sie und wissen, es wird etwas Peinliches oder Schmerzhaftes passieren und der Gaffer in uns will es sehen.
Dieses sadistische Warten ist kurzfristig fesselnd, ermüdet langfristig aber enorm und erodiert den Charakter. Wer keine Karriere in der Lagerleitung anstrebt, wendet es allenfalls in homöopathischen Dosen an.
Kommen wir nun zum Lauern. Auch hierunter verbirgt sich eine Form des Wartens. Wir warten, bis das Opfer in einer schwachen Position, der König schachmatt ist. Verkäufer kennen das. Sie dürfen nicht zu schnell agieren, sonst gelten sie als penetrant und klebrig.

Warten auf das Ende. Das kann eine furchtbare Sache sein, etwa beim nahenden Ende einer tödlichen Erkrankung. Seit Entwicklung der Palliativmedizin ist es aber seltener geworden. Der Hamburger wartet auf das Ende in der Staatsoper, im Thalia- Theater oder inmitten eines Kampnagel-Infernos. Auch hier ist die Sache schmerzhaft, da der Hintern bei unwilligem Hirn doppelt wehtut. Hinzu kommt quälender Durst. Der Sessel wird zur Wüstenei, in jeder Beziehung. Deutsche sehen sich verpflichtet diese Form des Wartens in der Kulturertragungsstarre durchzustehen, so wie sie auch jedes angefangene Buch auslesen. Handlungsempfehlung hier: Ertragen Sie. Die Welt ist keine Diashow.
Zum Schluss also noch eine kleine Beobachtung. Sie gibt uns einen Hinweis auf den eingangs erwähnten Verursacher. Es war nicht mehr als eine Edding-Schrift auf einer öffentlichen Toilette. Dort stand innen auf der Tür:
Komme gleich wieder – Godot.
Autor: tim.holzhaeuser(at)kloenschnack.de
