15. August 2022
Magazin-Tipp

Tims Thesen: Putin im Badezimmer

An dieser Stelle erscheint jeden Monat Tim Holzhäusers Glosse mit einer gewagten These. Diesen Monat geht es ums Klima, Friseure und Putin.

Autor Tims Thesen

Redaktionsleiter Tim Holzhäuser.

Tims Thesen im August 2022: Wer mit seiner Persönlichkeitsentwicklung weiterkommen will, lässt die Illustrierte liegen und unterhält sich mit seinem Friseur. Thema neulich: Inflation und Gaspreise.

Wir haben geblödelt, dass Heizlüfter bald teuer werden und der irische Wollpullover vielleicht die bessere Alternative sei. Natürlich war das Geblödel ernst gemeint. Wenn ein Wirtschaftsminister im Juli sagt, dass da eine gewisse Wahrscheinlichkeit bestünde, dann werde ich diese Glosse im Dezember bei 17 Grad Raumtemperatur tippen.

Glauben Sie nicht? Dann gehen Sie mal zu einem russischen Friseur und lassen Sie sich etwas erzählen über Regierungskommunikation. „Wenn unsere Regierung bekanntgibt, dass etwas auf keinen Fall passieren wird –  dann passiert es morgen früh um acht Uhr.“

Es wird kalt

Es wird also kalt. Sie stehen nicht mehr morgens in der Dusche und wärmen sich unter einem armdicken Strahl gemütlich fünf Minuten auf, bevor Sie ans shampoonieren gehen. Das brühend heiße Wasser durfte bisher selbstredend weiterlaufen. Shampoo einwirken lassen, ausspülen. Bisschen herumpfeifen und vielleicht noch in der Dusche hinsetzen, weil der Strahl dann zu diesem angenehmen Sommerregen wird …

So eine Heißwasserorgie ist täglicher Standard, quer durchs Jahr und wir halten das natürlich für völlig normal. Mein Friseur ist aber schon jetzt davon überzeugt, dass wir diesen Winter mit dem Wasserkocher ins Bad tapern. Dort bereiten wir uns im Waschbecken ca. fünf Liter mäßig warmes Wasser zu, mit dem wir uns dann abrubbeln wie anno dunnemals Oma und Opa.

Das ist natürlich ein krasses Szenario, an das mein eigenes Wohlstandsbäuchlein nicht glauben will. Das Bäuchlein hat aber auch nicht daran geglaubt, dass der Planet wegen einer Pandemie zwei Jahre schließen muss.

Zur These: Es wird tatsächlich so weit kommen, dass wir zähneknirschend Gewohnheiten unserer Großeltern übernehmen. Zweiter Teil der These: Es wird die Gesellschaft in ihrem Selbstverständnis beeinflussen. Die Älteren werden einfach abwarten, bis der Spuk vorbei ist und sie wieder stundenlang duschen können.

Ändern wir unsere Gewohnheiten?

Vorstellbar ist aber, dass die Ereignisse jüngere Menschen stärker beeindrucken. Möglicherweise wird sich bei ihnen das Gefühl für Luxus schärfen, diese Wertschätzung für Dinge, die nicht nötig sind. Und ein misstrauischer Blick auf die Welt wird sich verstärken. Kommt morgen der nächste Klopper? Wäre eine nachhaltige Lebensweise der einzige Ausweg aus dieser Kette von Katastrophen?

Anzeichen dafür gibt es überall: Ich kenne nicht wenige Grundschüler, die sich aus moralischen Gründen dazu entschieden haben, Vegetarier zu werden.

Anekdote zum Schluss: Mein Vater hat mir tatsächlich mal einen irischen Wollpulli geschenkt. Wenig elegant! Letzten Winter einmal anprobiert und sofort in Schweiß ausgebrochen. Dann trug ihn die Dame des Hauses  während der Schreibtischarbeit mit sichtlichem Wohlbefinden. Wie soll ich das Ding jetzt bloß zurückbekommen?

 

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