15. November 2022
Magazin-Tipp

Tims Thesen: Unterschätze nicht das Chaos

An dieser Stelle erscheint jeden Monat Tim Holzhäusers Glosse mit einer gewagten These. Diesen Monat geht es um Vorhersagen und Unvorhersehbares.

Autor Tims Thesen

Redaktionsleiter Tim Holzhäuser

Tims Thesen im November 2022: Neulich stand ich wieder vor der Frage „Zeitung lesen oder gut schlafen?“ und wählte die Nachrichten. Erwartungsgemäß furchtbar: Krieg, Pandemie, China im Hamburger Hafen. Ich wollte schon einen dieser leidvollen Seufzer von mir geben, der gerade häufig zu hören ist. Aber dann fiel mir auf, dass ich beim Lesen eines Artikels grinste. Da ließ sich jemand über eine Form der Geldanlage aus und das mit Sätzen wie „muss sich konsolidieren“, „kann nicht mehr lange hinter dem Potenzial“, „wird nächstes Jahr um den Faktor 3 wachsen …“

Wer weiß, was die Zukunft bringt?

Herrlich, dachte ich. Was für ein Trottel. Wie damals am Neuen Markt. Erinnern Sie sich? Als der Aktienboom rund um Telekom und den Neuen Markt losbrach, konnte man clever agieren, in dem man das Gegenteil der Propheten tat. Die gaben keine Prognosen, sondern sagten die Zukunft exakt voraus und das ging natürlich schief.

Etwas Ähnliches sehen wir heute bei Kommentatoren im öffentlichen Leben. Ich habe an dieser Stelle schon auf Generäle im Ruhestand hingewiesen, die derzeit die nächsten Stufen im Ukraine-Krieg vorhersagen – mit der Trefferquote einer abgesägten Schrotflinte.

Und auch im Fall der Chinesen im Hafen wird von Wirtschaft, Politik und Medien mit großer Sicherheit erklärt, warum die Beteiligung des Staatskonzerns Cosco am Terminal Tollerort eine gute Sache sein muss. Andere erklären mit ebenso großer Sicherheit, warum eben diese Beteiligung keine gute Sache sein kann.

Wenn uns jemand den meteorologischen Sommer 2023 mit großer Präzision und Gewissheit voraussagen wollte, dann würden wir den Kopf schütteln, „danke, habe schon gespendet“, murmeln und eilig weitergehen. Wir wissen: Das Wetter ist zu komplex für langfristige Vorhersagen. Der berühmte Flügelschlag auf der anderen Seite des Planeten führt zum Tief „Friedbert“ über Kassel.

Ebenso komplex ist die militärische Lage in der Ukraine. Die halbe Welt mischt mit; die Zahl der führenden Akteure geht in die Hunderte, wenn nicht gar Tausende. Der Krieg tobt auf dem Schlachtfeld auch nicht in aller Deutlichkeit, sondern inmitten eines tiefen Nebels aus Desinformation und Tarnung.

Auch die langfristigen Auswirkungen einer Cosco-Beteiligung an Tollerort sind, seien wir ehrlich, genauso undurchsichtig wie das Gasgeschäft mit Russland.

Niemand!

Wenn sich also jemand hier in „sichere“ Prognosen versteigt, dann sehen wir entweder Korruption, Überheblichkeit oder eben wieder den Versuch, die komplexe Welt einzudampfen auf drei oder vier Parameter, die man im Auge behalten kann.

Letztlich ist das in Krisenzeiten auch verständlich. Wer sich dem Chaos gegenübersieht, der kann mit Fatalismus reagieren, religiösem Stumpfsinn oder eben mit Versimpeln der Lage. Je größer nun das Chaos, desto offensichtlicher wird das Versimpeln. Das ist der einzige positive Punkt, den ich gerade erkennen kann.

Für Welterklärer war es noch nie so einfach, sich lächerlich zu machen.

 

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