25. November 2025
Magazin-Tipp

Tims Thesen: Wer geht zum Bund?

An dieser Stelle erscheint jeden Monat Tim Holzhäusers Glosse mit einer gewagten These. Diesen Monat im Fokus: die Wehrpflicht.

Autor Tims Thesen

Redaktionsleiter Tim Holzhäuser

Tims Thesen im November 2025:

Kleine Anekdote von meiner Musterung gefällig? Juni 1994, Kreiswehrersatzamt Sophienterrasse. Ich sitze mit anderen deprimierten 18-Jährigen in einem Klassenzimmer. Die Aufabe: Ausfüllen eines Formulars mit der gewünschten Verwendung bei der Truppe. Ich hatte zu dem Zeitpunkt längst meine Verweigerung abgeschickt, was dem Bund aber offenbar entgangen war.
Ich meldete mich also, sagte „Hallöchen“ und fragte, ob ich die Formular-Zeile mit der Verwendung durchstreichen könnte. Eine Stunde später wurde ich öffentlich beschuldigt, ein Aufwiegler und Defätist zu sein. Solides Menschenmaterial (T2), aber nicht faul genug (dazu gleich mehr) der Armee beizutreten.

Was war passiert?

Zunächst hatte der Soldat in dem Klassenzimmer auf meine Frage mit einer Brüllattacke reagiert: Mit heraustretender Schläfenader und Speichelbildung. Im Grunde bezeichnete er mich als verkommenen Heckenpenner und führte dann, als er sich wieder etwas im Griff hatte an: Zivis müssten richtig hart ran, während „wir beim Bund ne ruhige Kugel schieben“. Das Argument kam mir heckenpennerisch vor, aber ich hielt schön die Klappe. In der Pause kamen dann mehrere Jungs zu mir, alle mit einer Frage: Sei es jetzt noch möglich, zu verweigern und wie sollten sie es am besten anstellen? Ich hielt wieder die Klappe. Nach der Pause aber wollte das halbe Klassenzimmer das Formular mit dem Verwendungszweck zurückhaben, weil man es sich anders überlegt hatte …

Was dann folgte, war sagenhaft. Dieser Schalldruck! Wie eine Haubitze im Dauerfeuer, richtig majestätisch. Naja, Holzhäuser ab in Richtung Zivi, Episode beendet.

Und jetzt, 32 Jahre später, ist es wieder so weit. Die Jungs und offenbar auch Mädels müssen ebendieses Formular mit dem Verwendungswunsch ausfüllen. Und ich glaube, für die ist das okay. Ich meine das ernst; die These für diesen Monat lautet: Ein Jahr beim Militär oder Ersatzdienst wird weitaus weniger Widerstand und Drama auslösen, als wir es jetzt vermuten. Menschen sind findig und opportunistisch. Sie erkennen Risiken, aber auch Chancen. Natürlich ist Wehrpflicht nach einer langen Friedenszeit erstmal deprimierend. Ich teile auch die Kritik unter anderem von Richard David Precht, der die neue Hochrüstung Deutschlands in Teilen hysterisch findet. Gerade in Zeiten, in denen Mittel für Investitionen und Klimaschutz gebraucht werden, muten die Rüstungsziele an wie schierer Wahnsinn.

Ich bin mir aber auch sicher, dass das vielen 18-Jährigen egal sein wird. Die sehen eher die 2.600 Euro Sold, die für Freiwillige im Gespräch sind und die Möglichkeit, einen sauteuren Lkw-Führerschein für Umme machen zu können.
Wir können diesen Opportunismus natürlich kritisieren, aber letztlich kritisieren wir dann die Bereitschaft und Fähigkeit, sich mit neuen Begebenheiten zu arrangieren.

Tims Thesen finden Sie auch jeden Monat in unserem E-Paper.

Auch interessant