22. September 2022
Magazin-Tipp

Tims Thesen: Wohnen und Arbeiten

An dieser Stelle erscheint jeden Monat Tim Holzhäusers Glosse mit einer gewagten These. Diesen Monat geht es um Homeoffice, Autofahren und Mobilität.

Autor Tims Thesen

Redaktionsleiter Tim Holzhäuser.

Tims Thesen im September 2022: Gerade aus dem Urlaub zurück, da sehe ich den erfreulich kultivierten Schlagabtausch über Tempo 30 auf Hauptverkehrsstraßen auf den Leserbriefseiten in dieser Ausgabe und erlaube mir, einzuhaken.

Die Probleme sind bekannt. In der Stadt sind die Straßen zu voll, zu schmutzig, die Mobilität zu teuer. Die eine Seite will nun flächendeckend Tempo 30, die andere Seite will, verkürzt gesagt, dass alles beim Alten bleibt.

Und nun stelle man sich zur Rushhour an die Elbchaussee und frage sich selbst: Werden Schneckenpost oder „Freie Fahrt für freie Bürger“ hier die Lösung bringen? Natürlich nicht. Die Masse an Autos ist einfach zu groß.

Auto oder Bahn?

These daher: Die Lösung wird von den Autofahrern selbst kommen. Seien wir ehrlich. Autofahren auf Hamburgs Hauptverkehrsstraßen bringt keinen Spaß mehr und ist ein Zeitfresser erster Güte. Ebenso bitter ist es, dicht gedrängt in einem S-Bahn-Waggon vor einer Weichenstörung zu stehen und sich dabei eine schicke Infektionskrankheit zuzulegen.

Gesellschaften haben nun aber ein derart schwerfälliges Momentum, mit dem sie auch offensichtliche Missstände jahrzehntelang durchhalten. Ein Bekannter aus Los Angeles meinte letztens, dass er eine bestimmte Strecke nachts in 40 Minuten fahre, tagsüber in vier Stunden, aber: „No­body cares!“

Es hängt also am Individuum. Das wiederum hat in den letzten zwei Jahren einen der größten Umbrüche der Arbeitswelt nach Beginn der Industrialisierung erlebt, der sich nun verfestigt hat. Die Entkoppelung von Arbeitsstätte und Wohnort.

Weder noch!

Hier muss nun das Gegenargument kommen, dass die Krankenschwester und der Klempner immer noch ins Krankenhaus und auf die Baustelle fahren müssen. Das stimmt. Aber wenn die ganzen Informatiker, Journalisten, Bürokaufleute und Berater zu Hause bleiben, dann ist wieder Platz auf den Straßen, für die, die ihn brauchen.

Und machen wir uns nichts vor: Gerade der höher qualifizierte Teil der deutschen Arbeitswelt wird seine Interessen durchsetzen. In einer Wirtschaft mit Fachkräftemangel lassen sich besagte Fachkräfte nicht gängeln. Wenn Elon Musk seinen Leuten befiehlt 40 Stunden im Büro zu sitzen, no matter what, dann berichten die Medien weltweit, gerade weil es so absurd ist. In Deutschland werden Informatiker von der Geschäftsführung angerufen und gefragt, ob sie noch etwas bräuchten? Ist der Stuhl wirklich bequem genug?

Ein weiterer Aspekt, der meine These stützt, sind die Kosten. Tempo 30 oder 50 oder 130 spielt letztlich keine Rolle, wenn ein großer Teil der Deutschen nicht mehr bereit ist, hunderte von Euro pro Monat für Mobilität zu bezahlen, wenn sie nicht wirklich nötig ist. Die Verrenkungen rund um die Pendlerpauschale (Steuerentlastung versus Umweltschutz) zeigen, dass sich die Politik auch hier verzetteln muss. Das Instrument ist nicht mehr zeitgemäß, kann nur noch in die eine oder andere Richtung gedreht werden, ohne damit einen gesamtgesellschaftlichen Fortschritt zu erzeugen.

Wollen wir hoffen, dass es nicht noch eine weitere Pandemie braucht, um bei der Mobilität wirklich weiterzukommen.

 

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