22. Mai 2026
Interviews

„Olympia ist noch etwas Höheres“

In Teil sechs der Olympia-Serie spricht HSV-Legende Horst Hrubesch über seine Erfahrungen bei Olympischen Spielen, besondere Momente im Olympischen Dorf und warum Hamburg aus seiner Sicht ideale Voraussetzungen für Olympia mitbringt.

Horst Hrubesch über Olympia

Horst Hrubesch hat Olympia als Trainer zweimal erlebt – und wirbt heute für eine Bewerbung Hamburgs.

Herr Hrubesch, Sie haben die Teilnahme an zwei Olympischen Spielen als Trainer als „absolutes Highlight“ in Ihrer Karriere bezeichnet. Was war das Faszinierendste daran?

Die Menschen, das Gemeinsame. Es ist ein großes Miteinander, es ist eine Vielfalt mit so vielen anderen Nationen. Manche stecken persönlich viel Geld in den Traum, dabei zu sein. Fußball spielt bei Olympischen Spielen nicht die Hauptrolle. Als ich den Trainerposten für die Frauen noch einmal übernommen habe, war der entscheidende Faktor Olympia.

Es sind also nicht allein Ihre Erfolge – Sie gewannen 2016 mit den Männern eine Silbermedaille in Brasilien und 2024 mit den Frauen Bronze in Frankreich – die Sie so schwärmen lassen?

Nein, du siehst immer und überall Emotionen, egal, ob es sich um den Basketballer Dirk Nowitzky handelt oder um einen Kanuten, dessen Namen ich nicht mehr parat habe. Den habe ich dort kennengelernt. Als ich ihn fragte, wie es denn für ihn gelaufen sei, sagte er mir, er sei im ersten Lauf ausgeschieden. Dabei hat er vier Jahre in sein Ziel investiert, wenigstens dabei zu sein. Auch das hat mich sehr beeindruckt.

Visualisierung olympisches Dorf
Im Olympischen Dorf treffen Athletinnen und Athleten aus aller Welt aufeinander – für Horst Hrubesch einer der faszinierendsten Aspekte Olympischer Spiele. // Foto: Cobe

Wie haben Sie das Olympische Dorf erlebt?

Wir als Fußballer und Fußballerinnen waren jeweils nur drei Tage im Olympischen Dorf, weil wir ja an anderen Orten gespielt haben als in Rio de Janeiro und Paris. Aber zu erleben, wie die Menschen aus so vielen Nationen miteinander umgehen, wie sie aufeinander zugehen, unabhängig von Kultur oder Religion, das ist faszinierend. Und auch das Spartanische im Dorf hat mich überhaupt nicht gestört, obwohl ja Profifußballer sonst meist eher in noblen Hotels untergebracht sind.

Was ist als Teilnehmer das Atemberaubendste?

Du kriegst sie ja alle zu sehen. Die Basketballer, die Volleyballerinnen aus Kuba, Athleten aus Trinidad oder Aserbaidschan. In einem Bereich konnten die Sportler beten. Das spielt sich alles zentral im Olympischen Dorf ab. Viele bleiben auch noch, wenn sie ausgeschieden sind. Bei den Fußballerinnen und Fußballern wäre das aber anders gewesen. Wären wir früher ausgeschieden, wären wir nach Hause gereist.

Olympia in Hamburg und die Folgen für die Stadt

Wie würde sich denn Hamburg durch Olympia verändern?

Ich war zweimal dabei und kann sagen: Jede Stadt, die Olympia ausrichtet, verändert sich. Vor allem die Veränderung der Infrastruktur hat erhebliche positive Auswirkungen. Für Hamburg kann ich sagen: Die Stadt hat ein Konzept vorgelegt, das absolut nachhaltig ist. Die kurzen Wege und Vorhaben etwa im Nahverkehr, die unabhängig von Olympia geplant sind, tun auch den Bürgern gut.

Jede Stadt, die Olympia ausrichtet, verändert sich.

Und natürlich wird es auch ein größeres Stadion geben. Es wäre für ganz Norddeutschland sensationell, denn auch Kiel, Wolfsburg oder Hannover sind da mit einbezogen. Sei es für Segeln oder mit Fußballstadien für die Turniere.

Was sagen Sie den Gegnern von Olympia in Hamburg? Es gibt ja nicht wenige, die die Finanzen für nicht überschaubar halten oder steigende Mieten befürchten. Immerhin haben sich die Hamburger 2015 bei einer Abstimmung gegen Olympia entschieden.

Das ist ja diesmal kein Argument, es wird ja ohnehin an der U-Bahn gebaut, und vieles muss gar nicht komplett neu errichtet werden.

Es heißt doch immer: Hamburg ist das Tor zur Welt, absolut weltoffen. Das kann man doch mal zeigen. Da sollten wir mit offenen Armen die Leute empfangen.

Es gibt ja auch noch deutsche Konkurrenten – München, Berlin, das Ruhrgebiet.

München und Berlin haben Olympia schon mal gehabt. Wie das im Kohlenpott umzusetzen ist, weiß ich nicht. Aber da werden die Strecken wieder größere sein. Ich glaube, im globalen Bereich hat Hamburg eine richtig gute Perspektive. Wie Paris mit den kurzen Wegen. Volleyball unterm Eiffelturm hat mich richtig begeistert.

Es heißt oft, die falschen Leute machen sich bei solchen Events die Taschen voll und die Gesellschaft bezahlt dafür.

Es gibt immer ein Für und Wider. Nichts zu tun, ist das Schlimmste, was man machen kann – auch für die Jugend. Ganz Deutschland ist dafür gerüstet auch für die Paralympics der behinderten Sportler.

Olympia und der besondere Teamgeist

Ist es bei Olympischen Spielen leichter, diesen Team-Spirit zu erzeugen, wie es Ihnen 2016 und 2024 gelungen ist?

Ja. Du wirst angefeuert, ob du vorne liegst oder hinten. Das macht schon was mit einem. Ich bin sehr stolz auf die Mädels, wie sie zusammen gefunden haben. Bei Europa- oder Weltmeisterschaften ist jeder mehr für sich. Olympia ist noch etwas Höheres. Das merkt man auch, wenn man sich mit Leuten aus der Crew unterhält. Die nehmen alle was mit.

Olympia kann Menschen in schwierigen Zeiten zusammenführen.

Haben Sie heute noch Kontakt zu den Fußballern von 2016 oder den Fußballerinnen von 2024?

Natürlich. Jeder wird Ihnen bestätigen, was bei Olympia abgeht. Das sind ja Eindrücke, die vergisst man nicht. Etwa, wie Leute vor dem Stadion Breakdance getanzt haben. Es gibt immer wieder Gespräche, die so beginnen: Weißt du noch bei Olympia?

Was macht Sie so sicher, dass Olympia in Hamburg nur gut werden kann?

Man muss nur nach Deutschland 2006 schauen. Die Fußball-WM hatte das Motto „Zu Gast bei Freunden“. Das hat viel bewirkt, Deutschland wurde plötzlich ganz anders wahrgenommen. Wenn du Olympia ausrichten kannst, solltest du es tun. Auf diese Weise kann man Menschen in schwierigen Zeiten zusammenführen. Hamburg hat auf jeden Fall das Zeug dazu.

Horst Hrubesch

Als Fußballer war der gebürtige Westfale Horst Hrubesch beim HSV erfolgreicher als Uwe Seeler.
Er gewann drei deutsche Meisterschaften und den Europapokal der Landesmeister, wurde zudem mit der Nationalmannschaft 1980 Europameister und 1982 Vize-Weltmeister.

Als Trainer war er über 20 Jahre beim DFB. Unter ihm gewannen die Nachwuchs-Nationalteams U19 und U21 2008 und 2009 den Europameistertitel. Bei Olympia holten die Männer unter seiner Regie die Silbermedaille (2016) und die Frauen die Bronzemedaille (2024).

Er wurde mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet und ist seit 2023 Mitglied der Hall of Fame des deutschen Fußballs.

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