Eigentlich ist der Titel irreführend. Die „Old Merry Tale Jazzband“ feiert ihr 70-jähriges Bestehen. Unser Mensch des Monats, Jost Münster, brennt allerdings schon seit 1952, also 74 Jahre, für Jazz.
74 Jahre Jazz – eine Leidenschaft fürs Leben
Der erste Kontakt entstand wie bei vielen Jugendlichen zu der Zeit: „Ich war mit Klassenkameraden bei einem Konzert. Bei ,Jimmy Archey and his Riverboat-Five‘. Wir waren komplett begeistert und wollten auch so Musik machen“, erinnert sich Jost „Addi“ Münster.
Seinen Spitznamen bekam er auch zu der Zeit, „irgendwer fing damit an und dann nannten mich alle so“. Daraus entstand Kontakt zum Komiker und „ursprünglichen“ Addi Münster, als dieser fälschlicherweise eine Geburtstagseinladung für Jost Münster erhielt. Der Kontakt blieb, auch auf der Trauerfeier des Humoristen spielte Jost Münster mit seiner Band.
Vom Posaunenchor zum Jazz

Doch von den ersten Versuchen an der Posaune bis zur eigenen Band war es noch ein Stück. Zunächst ging es in den Posaunenchor, „eigene Instrumente konnten wir uns nicht leisten“, so der 90-Jährige. Kurz darauf gründeten die Freunde einen Jazzclub. 1954 spielte Jost Münster erstmals in einer Jazzband, die knapp zwei Jahre später nach einem Todesfall aufgelöst wurde. Eine neue Band wurde gesucht – das sollte doch eigentlich nicht schwer sein, gab es damals bestimmt 50 Jazzbands in Hamburg. „Zu der Zeit haben viele junge Menschen mit Jazz angefangen, es war der Wahnsinn. Und man hat nach und nach alle kennengelernt, es war großartig“, erzählt Jost Münster.
Kurz gesucht, gefunden: Jost Münster trat 1957 der Old Merry Tale Jazzband bei, die bald internationale Erfolge feierte. Von 1960 bis 1962 hängten die Musiker kurzerhand ihre Jobs an den Nagel und tourten durch die ganze Nation, wo sie zur wohl bekanntesten und beliebtesten deutschen Jazzband wurden. Nicht zuletzt mit deutschen Titeln wie „Am Sonntag will mein Süßer mit mir Segeln gehen“, der es auf Platz eins der Hitparade schaffte.
Tourneen, Reisen und Erfolge
1984 teilte sich die Band. Jost Münster wurde Kopf von „Addi Münsters Old Merry Tale Jazzband“, holte Mitglieder aus den Gründungsjahren und jüngere Musiker mit an Bord. Es folgten zahlreiche Gastspiele in Europa und sogar die zweimalige Teilnahme am größten Dixieland-Festival der Welt in Sacramento. „Ich glaub, das war unser schönster Ort für ein Konzert“, schwärmt der Posaunist. Aber auch der Auftritt als erste Band aus dem Westen in Dresden bleibt in Erinnerung, ebenso die vier Auftritte dort nach der Wende: „Ich hab 1975 großspurig gesagt, wenn wir nochmal eingeladen werden, kommen wir per Schiff über die Elbe – und das haben wir dann auch gemacht“, erzählt Jost Münster lachend.
An die Reisen, Tourneen und Konzerte erinnert er sich gerne: „Man hat so viele Menschen kennengelernt, so viele Freunde gefunden. Auch meine Frau hab ich durch die Musik getroffen. Was in den 70 Jahren alles passiert ist, kann man schwer in Worte fassen“, sagt er begeistert. Ob ihm das fehlt? „Ja, einerseits sehr. Andererseits ist es für mich mittlerweile zu anstrengend“, antwortet er ehrlich. „Und wenn ich mir alte Fotos anschaue, macht es mich traurig, wie wenige so alt geworden sind.“
Abschied beim Jubiläumskonzert
Am 14. März feiert die Old Merry Tale Jazzband ihr 70-jähriges Bestehen mit einem großen Gala-Konzert in der Laeiszhalle – beide Old Merry Tale Bands gemeinsam stehen auf der Bühne. Tickets gibt es ab 32,50 Euro.
„Ich werde versuchen, nochmal mitzusingen und vielleicht auch ein oder zwei Lieder mitzuspielen“, sagt Jost Münster. „Aber mehr ist nicht mehr drin. Wir stellen auch meinen Nachfolger, Markus Voigt, offiziell vor.“
Damit nimmt Jost „Addi“ Münster nach über 70 Jahren Abschied von der Bühne. Aber vielleicht bleibt sein Name im Bandnamen. „Das wird, glaube ich, noch entschieden“, sagt er lachend. Egal, wie die Entscheidung ausgeht – vergessen wird ihn in der Jazz-Szene so schnell niemand!