24. April 2024
Magazin-Tipp

Schiffe auf der Elbe: Wie viel, woher, wohin?

Verkehr kann beruhigend wirken. Nicht unbedingt an der Kieler Straße unterm Balkon, wohl aber auf der Elbe, wo eine schier endlose Kette an Schiffen in Bewegung bleibt. An manchen Tagen ist es ein veritables Ballett, das vom Nebeneinander von Groß und Klein lebt.

Ein Schwergewicht auf der Elbe: Die „Mol Triumph“ kann bis zu 20.000 Container transportieren. // Foto: Achaz Reuss - Keyword: Schiffe

Ein Schwergewicht auf der Elbe: Die „Mol Triumph“ kann bis zu 20.000 Container transportieren. // Foto: Achaz Reuss

Bericht von Tim Holzhäuser – Schiffe beobachten auf der Elbe – das ist kein whale watching, bei dem man nach tagelanger Wartezeit eine bemooste Rückenflosse zu sehen bekommt. Der Strom ist eine offizielle „Bundeswasserstraße“ mit entsprechendem Verkehr. Täglich schiebt sich ein dichter Pulk aus Containerfrachten, RoRo-Schiffen, Tankern, Schleppern, Fähren und Seglern die Elbe hinauf und dann wieder hinunter. Sie alle auch nur ansatzweise zu zählen und zu beschreiben, würde diese Klönschnack-Ausgabe locker füllen. Die folgende Darstellung beschränkt sich daher auf die Platzhirsche, die uns täglich vor die Smartphone-Kamera fahren, Geld in die Kasse spülen und letztlich dafür sorgen, dass auch bei der nächsten Krise das Toilettenpapier nicht ausgeht.

Containerfrachter

Fachleute wissen, Laien ahnen es: Containerfrachter sind für den Löwenanteil der Schiffsbewegungen auf der Unterelbe verantwortlich. Pro Jahr werden im Hafen etwa 3.200 Ankünfte gezählt – die auch alle wieder abfahren. Wir sprechen also von 6.400 Schiffsbewegungen insgesamt. Im Durchschnitt kommt 18-mal pro Tag ein Containerfrachter die Elbe hinauf oder hinab, über einer pro Stunde.

Die meisten dieser Schiffe sind keine gigantischen Fotomodelle, die Touristenherzen erfreuen, sondern normale „Feeder“ – kleinere Frachter, die weniger als 1.000 Standardcontainer (TEU) über kürzere Strecken transportieren. Aber natürlich kommen viele dieser Boxen irgendwann gesammelt auf einen großen Pott.
Rekordhalter ist bis heute in Hamburg die „Ever Alot“ der taiwanesischen Reederei Evergreen Marine Cooperation, die theoretisch 24.000 TEU transportieren kann (dies aber nicht zwangsläufig tut, gerade wenn das Wasser unter dem Kiel knapp wird …). Sie lief Hamburg am 19. September 2022 an.

Ist das Größenwachstum bei Containerfrachtern damit beendet, oder kommen künftig noch größere Schiffe nach Hamburg?
Fachleute sind sich uneins. Studien zeigen eine deutliche Stagnation bei der Größe von Neubauten, allerdings können Einzelschiffe durchaus noch weiter in Richtung 30.000 TEU vorstoßen. Ob diese dann Hamburg besuchen, ist aber äußerst fraglich, da der maximale Tiefgang auch nach der letzten Elbvertiefung auf etwa 14 Meter begrenzt ist.

Die „CMA CGM Jacques Saadé“ ist das weltweit erste Megamax-Containerschiff (23.000 TEU) das mit Liquefied Natural Gas (LNG) fährt. // Foto: HHM/Hasenpusch Productions
Die „CMA CGM Jacques Saadé“ ist das weltweit erste Megamax-Containerschiff (23.000 TEU) das mit Liquefied Natural Gas (LNG) fährt. // Foto: HHM/Hasenpusch Productions

Tanker und Schüttgutfrachter

Abseits der großen Containerterminals, der Skyline des Hamburger Hafens, finden sich die Einrichtungen zum Löschen von Schüttgut, Chemie- und Erdölprodukten – die keineswegs ein Nischendasein fristen. Pro Jahr zählt der Hafen rund 1.200 Tanker, die von leichtem Gas bis schwerem Schmieröl so ziemlich alles transportieren, was sich verflüssigen lässt.

Tanker spielen wirtschaftlich eine wichtige Rolle, gelten aber auch als vergleichsweise riskant. Während es bei Unfällen mit Containerschiffen meist bei Blechschäden bleibt, können havarierte Tanker durch die meist giftige Ladung katastrophale Sauereien verursachen. Unfälle kommen naturgemäß vor, etwa 2008, als es vor Altengamme krachte. Das Tankschiff „Undine“ war mit dem Frachter „Aldebaran“ zusammengestoßen. Wenig später schwammen etwa 100 Tonnen Dieselöl auf dem Wasser. Über 150 Feuerwehrleute und zahlreiche Ölsperren waren nötig, um den Treibstoff wieder zu entfernen.

„Über 150 Feuerwehrleute und zahlreiche Ölsperren waren nötig, um den Treibstoff wieder zu entfernen …“

Auch Schüttgutfrachter können kollidieren, aber ihre Zahl ist geringer. Hier werden pro Jahr etwa 450 Schiffe gezählt, die hauptsächlich Eisenerz und Kohle transportieren. Für Superlative sorgen weniger die Schiffe, als vielmehr das Terminal Hansaport. Das Unternehmen, gemeinsam betrieben von der Salzgitter AG sowie der Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) ist das größte Seehafenterminal für Schüttgut in ganz Deutschland. Die Anlage kann pro Tag bis zu 100.000 Tonnen Schütgut löschen. Das Terminal verfügt über einen eigenen Bahnhof mit 15 Gleisen für den Weitertransport der Ware.

RoRo- und Fährschiffe

Das Prinzip ist einfach, effizient und seit dem Mittelalter bekannt: Die Ware rollt rein, rollt raus und sorgt so für einen schnellen Umschlag. RoRo-Schiffe transportieren alles, was Räder hat – vom Skandinavien-Vertreter, der sein Auto mitnehmen will, überdie neue Lokomotive bis hin zu einer Charge Teslas. Statistisch werden sie zusammen mit Fährschiffen gezählt. 2022 ergaben sich rund 300 Anläufe, also etwa sechs Schiffe pro Woche.

„RoRo-Schiffe transportieren alles, was Räder hat, vom Skandinavien-Vertreter, der sein Auto mitnehmen will, bis zur neuen Lokomotive …“

Gerade RoRo-Schiffe sind für Fans interessant, da sie komplexe Konstruktionen benötigen. Typisch sind zum Beispiel große Bugpforten, die besondere Anforderungen stellen: Hochseetaugliche RoRo-Schiffe sind der Gewalt der Elemente besonders ausgesetzt. Wellen, die anderswo ganze Brückenaufbauten eindrücken können, führen hier leider immer wieder zu fatalen Schäden. Schon vergleichsweise kleine Wassereinbrüche können sich auf den freien Flächen innerhalb des Schiffes ungehindert verteilen, stauen, können für Krängungen sorgen, die weitere Wassereinbrüche zur Folge haben. Tragödien wie der Untergang der „Estonia“ 1994 sind traurige Zeugen dieser konstruktionsbedingten Risiken.

Die wirtschaftliche Bedeutung des Containerhandels für Hamburg sinkt. Das ist aber keine Hiobs-Botschaft. Der Hafen wirkt sinnstiftend und ist ein Magnet für Gäste. Die Umsätze der Tourismusbranche übertreffen die der Hafenwirtschaft mittlerweile. // Foto :Gerhard1302 /Adobe Stock
Die wirtschaftliche Bedeutung des Containerhandels für Hamburg sinkt. Das ist aber keine Hiobs-Botschaft. Der Hafen wirkt sinnstiftend und ist ein Magnet für Gäste. Die Umsätze der Tourismusbranche übertreffen die der Hafenwirtschaft mittlerweile. // Foto : Gerhard1302 /Adobe Stock

Kreuzfahrtschiffe

Kreuzfahrten boomen. Zwar gab es auch hier durch die Corona-Pandemie heftige Einbrüche, die aber weitgehend kompensiert sind. Die Urlaubsform ist nicht länger Wohlhabenden und Reichen vorbehalten, sondern kann, etwa im Fall der beliebten „Aidas“, eine völlig normale Reiseform für gutbürgerliche Familien sein. 2022, also noch während der Corona-Pandemie, zählte Hamburg 189 Kreuzfahrtschiffe, fast vier pro Woche. Im Vergleich zu Tausenden von Frachtern, mag das etwas mickrig erscheinen, aber die Steigerungsraten sind enorm. 2010 etwa liefen nur 104 Kreuzfahrer Hamburg an; 2024 hingegen werden sage und schreibe 271 Schiffsanläufe in diesem Segment erwartet.

Außerdem ist zu bedenken, dass die Abfertigung von Kreuzfahrtschiffen aufwendiger ist als die eines Containerfrachters. Neben großen Mengen an Waren wie Nahrung müssen eben Menschen „abgefertig“ werden, dazu Treib- und Schmierstoffe und letztlich alles zwischen Badseife und Steinway-Flügel. Dementsprechend gibt es spezielle Anleger: Die großen Schiffe machen am Cruise Center HafenCity oder am Cruise Center Steinwerder fest, die kleineren müssen sich mit dem Cruise Center Altona begnügen.

Auch die wirtschaftliche Bedeutung von Kreuzfahrern wächst, denn es geht nicht nur um die Schiffe selbst. Hamburg hat sich in den letzten Jahren zu einer Tourismushochburg gewandelt, mit etwa 15 Millionen Übernachtungen pro Jahr. Die Kreuzfahrtschiffe, die sowohl Gäste als auch Flair an die Elbe bringen, gehören mit in den Strauß der Attraktionen, die für diese 15 Millionen verantwortlich sind.

Die Stinte

Lange Zeit war die Elbe nicht nur Wasserstraße, sondern auch Fischereirevier. Gefangen wurde alles vom Aal bis zum Zander. Elbfischer hievten auch regelmäßig Schwergewichte wie Lachs und Stör an Bord der Fischkutter, die zum Beispiel von Finkenwerder aus aufbrachen.
Durch Umweltverschmutzungen wurden die Fischbestände allerdings immer weniger, bis zu einem Tiefpunkt in den 90er-Jahren. Da galt die Elbe als einer der schmutzigsten Flüsse Europas, mit entsprechenden Folgen.

„Auch die wirtschaftliche Bedeutung von Kreuzfahrern wächst, denn es geht nicht nur um die Schiffe selbst …“

Heute hat sich die Wasserqualität erholt. Die Messwerte ergeben nicht gerade Schweizer Bergsee, aber doch eine solide Grundlage für Aal, Hecht, Karpfen und Zander sowie seltener Arten wie Döbel, Hasel, Schleie und Stint. Gerade Stint ist ein beliebter Speisefisch – früher ein hundertprozentiges Armeleutegericht –, der während der Saison (endet jetzt im April) auf vielen Hamburger Speisekarten steht.
Die letzte Elbvertiefung ist aus Sicht von Fischern und Naturschützern allerdings eine erneute Elbverschlechterung. Sie erhöht die Stromgeschwindigkeit und reduziert den Sauerstoffgehalt im Wasser. Hier wird deutlich, dass die Elbe ein komplexes System ist, mit einer Vielzahl von Interessen, die sich nicht selten widersprechen.

Mikroplastik

Neben „althergebrachten“ Schadstoffen wie Chemikalien, Schwermetallen und Diesel bereitet eine neue Sorte „Fahrgast“ Wissenschaftlern und Umweltschützern Kopfschmerzen: Mikroplastik. Vereinfacht gesagt handelt es sich hier um uralten Plastikmüll, der sich über Jahre immer weiter zerteilt, bis er mit bloßem Auge kaum noch zu sehen ist. Er lässt sich dadurch nicht einfach einsammeln, sondern gelangt weitgehend unbemerkt in Gewässer wie die Elbe. Schätzungen zufolge spült der Strom jedes Jahr 42 Tonnen der Substanz ins Meer. Das mag moderat klingen im Vergleich zu Treibstoff, aber Plasik hat nun mal eine Kerneigenschaft: Es ist leicht. Im Meer gelangt Mikroplastik in die Nahrungskette der Fauna und gibt giftige Chemikalien ab. Forscher schätzen, dass jährlich eine Million Meeresbewohner an den Folgen von Plastikmüll sterben. Das ist umso ärgerlicher, als dass die Lösung einfach erscheint: Den Müll nach dem Strandtag wieder mitnehmen.

Fazit

Zurück zu den Schiffen: Zählt man alle der bedeutenden Kategorien wie Containterfrachter, Kreuzfahrtschiff etc. zusammen, dann ergeben sich im Jahr rund 8.700 Anläufe. 8.700 pro Jahr sind 23 Schiffe pro Tag, also ungefähr eines pro Stunde.
Langeweile sieht anders aus.

Schiffe gucken 2.0

Klappstuhl, Bierchen, Sonnenbrille und dann einfach Warten – das hat seinen Charme. Profis aber bereiten das Schiffegucken vor. Es gibt zahlreiche Websites, die Schiffsankünfte ankündigen – und Radarkarten, auf denen sich alles in Echtzeit verfolgen lässt.
www.hafen-hamburg.de
www.cruisegate-hamburg.de
www.hamburg.de/schiffsradar
www.schiffsradar.org

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