13. März 2024
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Reportage – Das Leben auf dem Lande

Hupende Traktoren beklebt mit Protestplakaten auf den Straßen in ganz Hamburg, Misthaufen und sogar Feuer – nicht nur wegen der Straßensperrungen und des Verkehrschaos sind die Bauernproteste aktuell das große Thema. Die großen Probleme wie die Kündigungen von Subventionen und zu niedrige Preise durch den Großhandel wabern durch die Medien. Aber wie stehen die lokalen Landwirte dazu? Was sind ihre Probleme und Herausforderungen im ganz normalen Alltag?

Kühe, Schweine, Hühner? Viele Betriebe, besonders kleinere, suchen sich eine Nische, um überleben zu können. // Foto: Leonie Hinrichs Keyphrase: Landwirte

Kühe, Schweine, Hühner? Viele Betriebe, besonders kleinere, suchen sich eine Nische, um überleben zu können. // Foto: Leonie Hinrichs

Bericht: Sophie Rhine und Anna-Lena Walter // Knallgrüne Salatköpfe, feuerrote Tomaten, sonnengelbe Paprika, glückliche Kühe auf der Weide und pickende Hühner rund um den Stall – so hätte unser Besuch auf dem Gut Haidehof aussehen können. Wir kamen allerdings an einem regnerischen Mittwochmorgen im Februar an, dementsprechend trist und grau war es auf den Feldern. Die Tiere hielten sich schlauerweise im Stall auf und auch die Landwirte blieben verständlicherweise lieber im warmen Büro.

Trotzdem können wir erahnen, wie der Betrieb hier im Sommer läuft und wieviel Charme das große Gelände ausstrahlt. Vor einer großen Scheune stehen Stühle, eine alte Lichterkette hängt über der Tür. Ein Festival oder eine Hochzeit können wir uns hier gut vorstellen. Die Erwartungen werden direkt gedämpft: „Wir würden den Gebäudebestand dieser historischen Liegenschaft gerne sinnvoll mit Leben befüllen – das ist aber bisher nicht umzusetzen“, sagt Hannes Höhne aus dem Team des Gut Haidehofs.

Grund dafür sind die Restriktionen, die der Außenbereich mit sich bringt und die dafür sorgen, dass es hier bisher kein Hofcafé oder größere Veranstaltungen gibt. „Da müssen wir mit langem Atem in den Dialog mit der Politik gehen. Eigentlich könnte der Hof nahe dem Klövensteen auch ein wertvolles Naherholungsziel für die Region sein“, sagt Höhne. Er liegt hierfür günstig mitten im Wegenetz rund um die Wedeler Au und direkt an einem öffentlichen Wanderweg.

„Wir versuchen, ganzheitliche Wertschöpfung zu kreieren“

Aber gut, das ist ein sehr spezielles Problem dieses landwirtschaftlichen Betriebes, aber sicher keiner der Gründe, der zu den Bauernprotesten geführt hat. An denen hat sich das Team aus Wedel allerdings auch nicht beteiligt. „Es ist natürlich nicht leicht, aber aktuell sind wir viel zu beschäftigt an unserer Vision einer regenerativen Landwirtschaft zu arbeiten, um auf die Straße zu gehen“, sagt der Landwirt. Er ist Quereinsteiger, wie viele auf dem Gut Haidehof. 2019 ging es hier los mit der regenerativen Landwirtschaft, aus dem Gründungsteam ist nur noch Alba Pestaña übrig. Ein Jahr später stießen Hannes Höhne und Bork Dewenter dazu, die drei bilden mittlerweile die Führungsriege. Das Team ist seitdem stetig gewachsen, Personalmangel ist hier nicht das große Problem.

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Das liegt wohl auch am besonderen Konzept des Hofes. Es wird keine einfache, sondern regenerative Landwirtschaft betrieben, es geht nicht um Gewinn- oder Produktionsmaximierung. „Wir versuchen, ganzheitliche Wertschöpfung zu kreieren“, sagt Hannes Höhne. Dass sich das betriebswirtschaftlich trotzdem lohnen muss, steht außer Frage. Der Hof finanziert sich über die hier produzierten Nahrungsmittel: 40 Prozent der Einnahmen kommen aus der Gastronomie, Landhaus Scherrer und Wolfs Junge gehören zum Beispiel zu den Abnehmern der regionalen Obst- und Gemüsesorten. Der Rest wird über die Abokisten und den Hofladen in die Kassen gespült.

Ein großes Plus springt dabei bisher noch nicht raus, denn auch, wenn sich die Umsätze gut entwickeln, steigen gleichzeitig die Kosten: Gerade das Team und damit die Personalkosten sind in den letzten Jahren stark angewachsen. „Hier arbeitet keiner, weil er glaubt, sich ‘ne goldene Nase zu verdienen, sondern weil wir glauben, dass es eine sinnvolle Tätigkeit ist und wir auch gerade für die nächste Generation einen kleinen Unterschied machen wollen.“

„Wir müssen weiterdenken. Leben funktioniert in Symbiose, nicht in Konkurrenz. “

Vor zwei Jahren gründeten das Team und die Eigentümer des Hofes einen eigenen Verein zwecks Bildungsarbeit, arbeiten seitdem unter anderem an einem grünen Klassenzimmer und kooperiert mit Schulen, die den Hof besuchen können, um regenerative Landwirtschaft im Kern zu verstehen und zu erleben. „Man muss ja immer erklären, warum das Hühnchen hier nicht 3,90 Euro im Kilo kostet“, sagt der Landwirt lachend. Das nächste Projekt hat er schon ins Auge gefasst: ein europäisches Innovationsprojekt, was Landwirtschaft und Naturschutz verbinden möchte. „Wir haben oft ein Konkurrenzdenken: Wenn wir Land schützen, schließen wir eine Nutzung aus. Denn die Nutzung war in den vergangenen Jahrzehnten oft mit ökologischer Ausbeutung verbunden“, erklärt Hannes Höhne. „Aber wenn wir agrarökologisch produzieren, können wir Ökosysteme nutzen und zugleich schützen. Leben funktioniert in Symbiose, nicht in Konkurrenz.“

Das klingt alles nach einem Bilderbuch- Bauernhof und ganz viel Innovation und Naturschutz. Das ist aber nicht die Realität auf den meisten landwirtschaftlichen Betrieben und das ist dem Team hier auch klar: „Wir konnten hier einen Betrieb neu gründen und nur mit den natürlichen Gegebenheiten und viel Unterstützung der Liegenschaftseigentümer unsere Idealvorstellung eines vielfältigen Mischbetriebs aufbauen. Aber für jemanden, der eine Hofnachfolge antritt, vielleicht noch mit hohen Kapitallasten, weil gerade neue Ställe gebaut wurden, von denen man jetzt nicht mehr weiß, ob sie die Tierwohlstandards auch in Zukunft erfüllen, ist es extrem schwer sich zu verändern. Das ist einer der Gründe, warum es oft nicht attraktiv ist, in der Landwirtschaft einen Hof zu übernehmen oder zu gründen. Man weiß oft nicht, wie es weitergeht. Das zeigen auch die Proteste zu den nun angestrebten Veränderungen.“

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Dieses Nachfolgeproblem haben viele landwirtschaftliche Betriebe, das wird bei einem Blick in die Statistiken klar. Das Statistikamt Nord bezifferte bei der letzten Landwirtschaftszählung aus dem Jahre 2020 in Hamburg die Betriebe mit 600. Zehn Jahre zuvor waren es noch rund 800 Betriebe, die Zahl ging also um fast ein Viertel zurück. Die Fläche allerdings nicht: Sie wuchs sogar leicht von 14.300 auf 14.600 Hektar. Scheinbar haben es also besonders die kleineren Betriebe schwer.

„Es rechnet sich einfach icniht mehr …“

Das bestätigt sich auch, wenn man sich im Hamburger Westen umguckt. So finden Agnes und Heinz Wilhelm Timmermann vom Bioland Hof Timmermann in Sülldorf bisher keine Nachfolge. Es ist der kleinste Hof in der Feldmark, den das Ehepaar bereits in der neunten Generation betreibt. Der Biohofladen fiel bereits vor vier Jahren dem großen Wettbewerbsdruck zum Opfer, in diesem Jahr ist es auch die letzte Kürbisernte. „Es rechnet sich einfach nicht mehr“, erklärt Agnes Timmermann gegenüber dem Hamburger Abendblatt.

Ähnlich sieht es bei Wilhelm Gerkens aus. Sein Hof ist etwas größer als der der Timmermanns, zu den Großbetrieben gehört der Hof mit 85 Hektar plus 35 Hektar Grünland aber noch lange nicht. Gerkens hat sich auf die Milchviehhaltung spezialisiert, 60 bis 70 Milchkühe hat er auf seinem Hof. „Das ist für die heutige Zeit eigentlich zu wenig, weil es nicht wirtschaftlich ist. Wir bekommen pro Liter Milch 40 Cent von den Großmolkereien. Was uns über Wasser hält, ist der Direktverkauf, bei dem wir natürlich mehr verdienen“, stellt er klar. Und deswegen ist auch bald Schluss mit dem Melkbetrieb: Wilhelm Gerkens verabschiedet sich in den Ruhestand, sein Sohn kann den Hof aus gesundheitlichen Gründen nicht weiterführen. Für die Kühe geht es aber weiter: Die Tiere werden am 1. Mai auf andere Bauernhöfe in der Umgebung verteilt.

„Wandel ist nicht einfach. Die Strukturen in der Landwirtschaft sind lange starr gewachsen.“

Der Preisdruck ist also eines der Hauptprobleme, denn der Großhandel bestimmt den Preis, nicht die Landwirte selber. Im eigenen Hofladen vielleicht noch, auch auf den regionalen Märkten. Aber im Einzelhandel ist es nicht möglich, dass die gestiegenen Löhne oder Energiekosten einfach so auf den Preis draufgeschlagen werden. Dass die Preise so niedrig sind, hat in den Augen von Hannes Höhne eine lange Historie: „Aus dem nachvollziehbaren Wunsch, dass nach dem Zweiten Weltkrieg niemand mehr hungern muss, wurde die Landwirtschaft produktionsoptimiert. Damals war das soziale und ökologische Bewusstsein noch nicht so ausgeprägt. Man war sich nicht bewusst, was für Folgekosten mit der Industrialisierung der Landwirtschaft einhergehen. Jetzt haben wir sehr billige Lebensmittel, aber zum Nachteil von Natur, Umwelt und Mensch.“

Die Abhängigkeiten im Agrarsektor

Und die Landwirte sind nicht nur vom Großhandel als Abnehmer abhängig, sondern auch von der Politik, nicht zuletzt wegen der Subventionen, die über Jahrzehnte eine Abhängigkeit kreiert haben. Denn wenn die plötzlich wegfallen, zum Beispiel beim Agrardiesel, stehen die Landwirte vor plötzlichen Mehrkosten, die für viele nicht oder kaum zu stemmen sind. Gerkens stimmt zu, dass die Probleme sich über viele Jahre angesammelt haben: „Die Dieselöl-Rückvergütung war nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufe brachte. Aber es hatte sich schon viel Frust angesammelt. Das Problem in diesem Fall ist die Schuldenbremse. Dadurch hat sich dieses aktuelle Problem ergeben. Ein Problem mit langem Vorlauf. Das kann man nicht allein auf diese Regierung schieben, sondern muss weiter in die Vergangenheit schauen.“

Mit Abokisten, Hofladen und Verkauf an die Gastronomie finanziert sich Gut Haidehof. // Foto: Gut Haidehof- Keyphrase: Landwirte
Mit Abokisten, Hofladen und Verkauf an die Gastronomie finanziert sich Gut Haidehof. // Foto: Gut Haidehof

Für ihn gibt es noch ein anderes oder sogar das Hauptproblem: die Bürokratie. Nicht die Bürokratie an sich, sondern die zunehmende Bürokratisierung in der Landwirtschaft. „Es hat sich hochgeschaukelt und wir kommen gegen diesen Papierberg nicht mehr an“, sagt Wilhelm Gerkens. „Großbetriebe haben mittlerweile Personal für die Buchführung und den ganzen Kram eingestellt, weil es sonst nicht zu bewältigen ist.“ Der Verwaltungsaufwand müsse dringend wieder reduziert werden: „Wenn man auf Versammlungen, etwa des Bauernverbandes, durch die Reihen schaut, sind dort mehr Verwaltungsbeamte als Landwirte … verkehrte Welt. Das Verhältnis stimmt nicht mehr.“

Die Kosten kosten …

Mathias Peters ist Vorstandsmitglied im Bauernverband Hamburg, aber auch selber Landwirt und kein Verwaltungsbeamter. Was die Hamburger Landwirtschaft am dringendsten braucht? „Planungssicherheit. Es kann nicht sein, dass die Politik jeder Sau, die durchs Dorf getrieben wird, hinterherrennt. Man kann zum Teil gar nicht so schnell reagieren oder Ställe umbauen, wie Änderungen beschlossen werden“, kritisiert er. Auch die niedrigen Preise bemängelt er, von verschiedenen Perspektiven aus. Einerseits haben die Landwirte in Deutschland die höchsten Kosten: „Wir haben den teuersten Strom, den höchsten Mindestlohn, der Sprit soll der teuerste werden. Insgesamt haben wir einfach die höchsten Produktionskosten, müssen unsere Preise aber mit dem Weltmarkt vergleichen und anpassen – das können wir nicht mehr alles leisten.“

„Die Bürokraten sollten die Landwirte ihre Arbeit machen lassen. Wir machen unseren Job schon gut.“

Hinzu kommen Auflagen, wie der Bruderhahn – zu jeder weiblichen Legehenne müssen die Landwirte auch ein männliches Küken kaufen – die aus Tierschutz-Sicht natürlich super sind, aber wieder neue Herausforderungen schaffen: „Im Rest Europas ist das kein Thema. Nur bei uns. Deutschland geht immer einen Sonderweg, muss immer noch einen draufsetzen.“ Eine Lösung dafür wären Gesetze, die für ganz Europa gelten. Ein weiterer Punkt im Preiskampf sind die Supermärkte: „Denen ist es komplett egal, woher die Ware kommt. Da heißt es, wir haben dann und dann das und das im Angebot – lieferst du oder nicht?“, bemängelt Mathias Peters die Zusammenarbeit. „Aber viele sind abhängig von dieser Zusammenarbeit.“

Der Deutsche Bauernverband forderte Bundeskanzler Olaf Scholz Ende Januar in einem offenen Brief erneut auf, weitere Entlastungen für die Landwirtschaft auf den Weg zu bringen. „Es bedarf jetzt eines klaren Signals der Politik, dass Landwirtschaft in Deutschland eine Zukunft haben soll und die Wettbewerbsfähigkeit unserer heimischen Landwirtschaft sichergestellt wird“, betont der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied.

„Wir brauchen europaweite Gesetze. Deutschland fährt immer einen Sonderweg, setzt immer noch einen drauf.“

Gerechtere Preise und mehr Mitspracherecht wünschen sich die Landwirte. Und vor allem auch: mehr Wertschätzung und mehr Aufmerksamkeit. Schließlich gäbe es ohne die Landwirte weniger Nahrung und weniger Bier, wie Plakate auf den Demonstrationen plakativ klarmachten. „Es ist nicht unbeachtlich, wenn man sich globale Lebensmittelströme anguckt, wieviel wir hier bei uns produzieren könnten“, stimmt Hannes Höhne zu. Dafür müsste allerdings auch ein Umdenken in der Bevölkerung und in der Politik stattfinden. Die Konsumenten müssten bereit sein, sich saisonaler und regionaler zu ernähren, die Politik dafür sorgen, dass es teurer wird, Lebensmittel aus dem Ausland einzuschippern.
Uta von Schmidt-Kühl ist erste Vorsitzende des Vereins „Land schafft Verbindung“. Sie sagt im Sat1-Interview: „Unsere europäischen Nachbarn haben zum Teil keine Steuerabgaben, beispielsweise auf Kraftstoff. Für unsere Landwirtschaft in Deutschland wird es immer enger.“

Die Erhöhungen gelten vielen als beispiellos.

Immerhin tragen die lautstarken Proteste der Landwirte Früchte. Der von der Ampelkoalition geplante ursprüngliche Haushalt 2024, der die Agrardieselrückvergütung und die Kfz-Steuerbefreiung für land- und forstwirtschaftliche Fahrzeuge ersatzlos streichen wollte, ist erstmal vom Tisch. Laut dem Deutschen Bauernverband hätten allein diese beiden Maßnahmen für die landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland eine Mehrbelastung von rund 920 Millionen Euro pro Jahr bedeuten. „Eine Steuererhöhung in dieser Größenordnung für eine einzige Branche ist bisher beispiellos und grob unverhältnismäßig. Zum jetzigen Zeitpunkt (Stand: 22. Februar) hält die Bundesregierung an einer Mehrbelastung von rund 440 Millionen Euro durch die Abschaffung des Agrardiesels fest“, so der Deutsche Bauernverband.

Salate in Reih und Glied: Besonders im Sommer haben die regionalen Betriebe ein vielfältiges Angebot. // Foto: Gut Haidehof
Salate in Reih und Glied: Besonders im Sommer haben die regionalen Betriebe ein vielfältiges Angebot. // Foto: Gut Haidehof

Aktuell hat die Bundesregierung angekündigte Kürzungen teilweise zurückgenommen. Laut den neuen Plänen sollen die Landwirte weiter von der Kfz-Steuer befreit bleiben. Der MDR berichtet, dass die Subventionen für den Agrardiesel nun nur schrittweise wegfallen sollen.

So wirklich als Erfolge der Proteste sieht Mathias Peters das allerdings nicht: „Die Kfz-Steuer wurde schon zurückgenommen, bevor die Proteste überhaupt losgingen, die Rückerstattung vom Diesel kommt, aber nur schrittweise. Und der Bundesrat wird sich vor März auch nicht mehr damit beschäftigen.“ Als wirkliche Subventionen sieht er die Steuerrückerstattung in dem Bereich eh nicht an: „Niemand würde auf die Idee kommen, die Pendlerpauschale zu streichen, Landstrom in der Kreuzfahrt verpflichtend zu machen oder Kerosin zu besteuern – man hat sich einfach das schwächste Glied in der Kette rausgesucht, uns. Und wir haben keine Wahlmöglichkeit. E-Motoren sind in der Landwirtschaft noch keine Alternative, sondern Spielkram.“

„Der Weltmarkt bietet langfristig keine Überlebenschance für Landwirte.“

Wie die Landwirtschaft in Hamburg rentabel und auch für junge Menschen attraktiv bleiben kann? „Darauf habe ich keine realistische Antwort“, sagt Mathias Peters. „Jeder muss für sich seinen eigenen Weg finden, eine Nische vielleicht. Der Weltmarkt bietet langfristig keine Überlebenschance für uns.“ Wochenmärkte schon eher, aber um 4 Uhr losfahren und um 18 Uhr zurücksein sei hart, da verlören viele die Lust. „Wir wollen ja direkt verkaufen. Wir hätten hier zwei Millionen Verbraucher – aber der Zugang ist schwer. Die Leute müssten zu uns kommen und das ist gegen den aktuellen Trend. Aber ich kann nur dazu aufrufen: Kauft so viel es geht auf dem Markt oder beim Bauern direkt. So helft Ihr, die Landwirtschaft zu erhalten.“

Die Hilfe, Sichtbarkeit und Wertschätzung der Bevölkerung ist ein weiterer Punkt, den die Bauernproteste angestoßen haben. 200 Traktoren in Hamburg sind zumindest schwer zu übersehen. „Würden wir uns einfach vors Rathaus stellen, würde es niemanden interessieren“, so Mathias Peters. „Es wäre schön, wenn sich die Politik mal vor uns stellen würde.“

Regionale Wertschöpfung als entscheidender Faktor.

Die Diskussionen und Bestrebungen in die Richtung sind zumindest da: „Land.schöpft.Wert – Starke ländliche Regionen“ lautet das Motto des 17. Zukunftsforums Ländliche Entwicklung, das Ende Januar mit mehr als 1.800 Teilnehmenden als größtes nationales Forum für die Entwicklung ländlicher Räume stattfand. „Ländliche Räume decken nicht nur etwa 90 Prozent der Fläche Deutschlands ab, sie sind auch das wirtschaftliche Fundament unseres Landes“, sagte zum Beispiel Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck. Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir bezeichnete den ländlichen Raum als „Kraft unseres Landes“. Alle schienen sich einig, dass regionale Wertschöpfung ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt ist.

„Früher war es gang und gäbe, dass Dorfbewohner bei der Ernte halfen. Jetzt zahlen Firmen als Teambuilding dafür.“

Hannes Höhne sieht diese geforderte Stärkung allerdings nicht in der Praxis der Landwirte: „Wir haben riesige Fördertöpfe, um ländliche Regionen zu retten – tun aber wenig dafür, um die Arbeitsplätze dort attraktiv zu machen. Stattdessen wird mit der Flächenprämie die reine Fläche an bewirtschaftetem Land subventioniert, das ist in der heutigen Zeit einfach unangemessen.“ Seiner Meinung nach müssten Subventionen auf ganz andere Stellen zielen: Auf die Arbeitskräfte einerseits, denn diese würden wiederum regionale Wertschöpfung an der Wurzel kreieren.

„Den wahren Preis zu finden, das ist der Hebel.“

Und auf positive Effekte der Landnutzung: „Zum Beispiel durch die Förderung von Produktionsweisen, die Biodiversität fördern, die Wasserressourcen schützen, die Bodengesundheit fördern und damit indirekt der Gesellschaft was Gutes tun“, führt er aus. „Ein Produkt hat einen wahren Preis mit Umweltfolgekosten und gesellschaftlichen Kosten, der kann gemeinwohlbillanziert werden. Da müsste eine Subvention hinlaufen, nicht auf den reinen Flächenfaktor. Den wahren Preis zu finden, das ist der Hebel, der am meisten Wumms hat, ohne fundamentalistisch das System ändern zu wollen.“

Seiner Meinung nach könnte man aber auch mal fundamentalistisch etwas ändern: „Von mir aus kann man Landwirtschaft 5.0 denken und sagen, warum ist Lebensmittel- und Rohstoffproduktion denn das einzige, was wir hier kennen und es mal als Verbund denken, den Konsumenten näher ran bringen, wieder mit einbeziehen. Früher war es gang und gäbe, dass Dorfbewohner bei der Kartoffelernte halfen. Jetzt bezahlen Firmen als Teambuilding dafür.“

 

Zur Sache

Regenerative Landwirtschaft
Die Regenerative Landwirtschaft ist ein System von Landbewirtschaftungsprinzipien und -praktiken, das die Ressourcen erhöht, anstatt sie zu verbrauchen. Es strebt danach, den Boden wieder aufzubauen und seine Fruchtbarkeit nachhaltig zu steigern, die Biodiversität zu verbessern, das Wassermanagement zu optimieren und die Gesamtresilienz des Systems gegenüber klimatischen Schwankungen und anderen externen Störfaktoren zu erhöhen.

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