Die Debatte um ein mögliches autofreies Blankenese nimmt Fahrt auf. Auslöser ist das Bürgergutachten des erstmals in Hamburg eingesetzten Bürger:innenrats zur Mobilität im Ortskern. Darin wird unter anderem empfohlen, einen Verkehrsversuch mit Sperrungen in der Propst-Paulsen-Straße und einem Abschnitt der Blankeneser Bahnhofstraße zu prüfen.
Konkret schlägt der Bürger:innenrat vor, die Zufahrt für den motorisierten Individualverkehr zeitweise zu sperren und stattdessen nur noch Taxen, Busse, Lieferverkehr und Fahrräder zuzulassen. Begleitet werden solle dies von einem mehrmonatigen Verkehrsversuch mit Umfragen und Datenerhebungen.
Über die Empfehlungen soll am 1. Juni im Mobilitätsausschuss beraten werden. Das Bezirksamt Altona betont allerdings, dass bislang noch nichts beschlossen sei. Auf Nachfrage teilte Pressesprecher Mike Schlink mit, dass aktuell lediglich die Empfehlungen des Bürger:innenrats vorlägen. Erst nach der Diskussion im Ausschuss werde über das weitere Vorgehen beraten.
Autofreies Blankenese: So entstand der Bürger:innenrat
Der Bürger:innenrat geht auf einen Beschluss der Bezirksversammlung Altona aus dem Jahr 2024 zurück. Ziel des losbasierten Beteiligungsverfahrens war es, Ideen für die zukünftige Mobilität rund um den Blankeneser Ortskern zu entwickeln und dabei unterschiedliche Perspektiven aus der Bevölkerung einzubeziehen. Dafür wurden Menschen per Zufallsverfahren aus dem Melderegister ausgewählt. Insgesamt nahmen schließlich 24 Bürgerinnen und Bürger an mehreren moderierten Sitzungen teil. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Mobilität, Aufenthaltsqualität und die Belebung des Ortskerns künftig miteinander verbunden werden können.
Neben dem umstrittenen Verkehrsversuch enthält das Gutachten zahlreiche weitere Vorschläge – etwa zusätzliche Fahrradabstellplätze, neue Sharing-Angebote, eine bessere Busanbindung, mehr Grünflächen oder die stärkere Nutzung des Marktplatzes für Veranstaltungen und Außengastronomie.
Gewerbetreibende warnen vor Umsatzverlusten
Bei einem Treffen mit Gewerbetreibenden wurde nun deutliche Kritik an den Vorschlägen laut. Viele Geschäftsinhaber befürchten negative Folgen für den Ortskern und den Einzelhandel.
Oliver Diezmann, Vorstand der Blankeneser Interessengemeinschaft (BIG), betont zwar, dass man sich nicht grundsätzlich gegen Veränderungen sperre. Mehrere Vorschläge aus dem Bürger:innenrat unterstütze man ausdrücklich – darunter feste Parkzonen für E-Scooter, zusätzliche Fahrradstellplätze, eine Bushaltestelle vor den Schulen oder eine stärkere Nutzung des Marktplatzes für Gastronomie und Veranstaltungen.
„Für einen funktionierenden Stadtteil ist es aber hochgradig riskant, einfach testweise den Autoverkehr rauszunehmen“, sagt Diezmann. Ein Großteil der Kunden und Patienten komme mit dem Auto nach Blankenese. Wenn man die Mobilität grundlegend verändern wolle, müsse das langfristig geplant werden. „Man muss alle Gewerbetreibenden mitnehmen und die gesamte Mobilität im Ort bedenken.“ Als Beispiel nennt er Ottensen, wo ähnliche Projekte über Jahre vorbereitet worden seien.
Auch Kathrin Goda von der BIG sieht die Pläne kritisch. „Ich finde es ungünstig, wenn man die Bahnhofstraße sperrt, weil der Einzelhandel noch mehr einbricht, wenn die Leute nicht mehr hinfahren können“, sagt sie. Gerade das Kurzzeitparken sei zuletzt eine Verbesserung gewesen. „Wenn das wegfällt, stirbt der Einzelhandel hier aus.“
Sorge um Leerstand und Kundschaft
Noch deutlicher wird Nathalie Gideon, Inhaberin des Blankeneser Fischhuus. „Für den Einzelhandel ist autofrei das Aus“, sagt sie. Die wirtschaftliche Situation vieler Geschäfte sei ohnehin angespannt. Viele Kunden kämen gerade bei schlechtem Wetter mit dem Auto. „Wenn man den Einzelhandel töten will, ist das eine gute Idee.“
Auch Maren Christine Wolf, Inhaberin von Maren Christine Dessous, sorgt sich um die Zukunft des Ortskerns. Viele ihrer Kundinnen kämen aus dem Umland mit dem Auto nach Blankenese. „Die würden einfach fernbleiben“, sagt sie. Noch gebe es wenig Leerstand im Ortskern. „Das würde sich ändern.“
Autofreies Blankenese? CDU kritisiert Verfahren
Unterstützung erhalten die Gewerbetreibenden von der CDU Blankenese. In einer ausführlichen Stellungnahme bezeichnet die Partei das Bürgergutachten als „kein belastbares Mobilitätskonzept“, sondern lediglich als Diskussionsbeitrag.
Die Partei kritisiert unter anderem, dass Gewerbetreibende, Praxen, Gastronomen und ältere Menschen im Verfahren zu wenig berücksichtigt worden seien. Besonders problematisch sei ein Verkehrsversuch mit Sperrungen und Parkplatzverlusten. „Ein Verkehrsversuch ist für Betriebe kein harmloses Ausprobieren, sondern kann existenzielle Folgen haben“, heißt es in der Stellungnahme.
Die CDU fordert vor möglichen Veränderungen zunächst Verkehrszählungen, Parkraumanalysen und wirtschaftliche Folgenabschätzungen. Zudem müssten lokale Akteure wie die Blankeneser Interessengemeinschaft oder Marktbeschicker stärker eingebunden werden.