Herr Brause, wie beurteilt der DOSB aktuell Hamburgs Chancen auf Olympia im Vergleich zu Berlin, KölnRheinRuhr und München?
In meiner Rolle habe ich stets die nationale Brille auf und äußere mich deshalb nicht zu den Chancen einzelner Bewerber. Zumal es in erster Linie einzig und allein darum geht, die Spiele nach 1972 endlich wieder nach Deutschland zu holen. Ein Ziel, dem sich auch alle vier Bewerber verschrieben haben.
Wir können jetzt schon erkennen, dass alle Bewerber in den vergangenen Monaten ihre Konzepte noch einmal deutlich verbessert und individuelle Stärken und Highlights entwickelt haben. Das ist ein starkes Zeichen für Sportdeutschland.

Hamburg setzt stark auf kurze Wege, Wasserlage und kompakte Spiele in der Stadt. Ist dieses Profil ein strategischer Vorteil?
Der DOSB hat basierend auf vielen Faktoren eine umfangreiche Matrix erstellt. Die Reisezeiten für Athlet*innen und Besucher*innen spielen darin ebenso eine Rolle wie zahlreiche weitere Faktoren.
Olympia in Hamburg: Kompakte Spiele als Vorteil?
Wichtig ist, bei allen Faktoren und der Matrix, dass am Ende des Prozesses das Gesamtbild passt und das Konzept ausgewählt wird, welches international die besten Erfolgsaussichten hat. Hier geht es vor allem um die Beantwortung der Frage, was international gefragt ist. Der internationale Ruf von Berlin, die Kompaktheit von München und Hamburg oder das große Zuschauerpotenzial in NRW?
Wir wollen international ja nicht nur mitspielen, sondern nach über 50 Jahren endlich wieder gewinnen.
Wie gut passt Hamburgs Konzept zu den aktuellen Erwartungen des IOC an nachhaltige Spiele?
Dem gesamten Prozess des DOSB liegen viele Dinge zu Grunde, die durch den langfristigen Reformprozess des IOC entstanden sind. Die Agenda 2020 und die Agenda 2020+5 des IOC bilden die Grundlage für alle Überlegungen in Deutschland.
Das IOC nimmt überhaupt keine Bewerber an, deren Konzepte gesamtheitlich betrachtet nicht nachhaltig gestaltet sind. Zentralität spielt dabei sicher eine Rolle, aber auch die Nutzung vorhandener Sportstätten.
Deshalb heißt ein wichtiger Leitspruch, dass die Spiele so zentral wie möglich und so dezentral wie nötig geplant und durchgeführt werden sollten.
Hamburg diskutiert Olympia seit Jahren kontrovers. Wie wichtig ist die Stimmung in der Bevölkerung?
Kontroverse Diskussionen und ein kritischer Diskurs sind wichtig, weil sie dafür sorgen, dass immer wiederkehrende Argumente gegen Olympische Spiele eingeordnet werden können.
Olympia ist anders als noch 2015
Ich sage es gerne sehr deutlich: Die Rahmenbedingungen für eine Bewerbung haben sich seit der Hamburger Bewerbung aus dem Jahr 2015 grundlegend verändert. Mittlerweile – so das Credo des IOC – passen sich die Spiele dem Gastgeber an, nicht mehr der Gastgeber den Spielen.
Die Spiele von Paris waren deshalb so großartig, weil sie perfekt zur Stadt und Frankreich gepasst haben. Warum sollte uns etwas Ähnliches nicht für Deutschland in München, Köln, Berlin oder eben Hamburg gelingen?
Mittlerweile passen sich die Spiele dem Gastgeber an, nicht mehr der Gastgeber den Spielen.
Welche Rolle spielt das Referendum in Hamburg?
Gesellschaftliche Akzeptanz spielt natürlich eine wichtige Rolle. Bestenfalls sollen Olympische und Paralympische Spiele dort stattfinden, wo die Menschen sie auch gerne willkommen heißen.
Bundesweit können wir uns seit den Spielen von Paris 2024 über Zustimmungswerte für die Bewerbung von rund 70 Prozent freuen. Die Referenden in München, Kiel und Nordrhein-Westfalen haben ebenfalls deutliche Mehrheiten ergeben.
Es geht darum, dass die vielen Menschen, die dafür sind, ihre Meinung bei der Wahl auch durch ein Kreuz zum Ausdruck bringen.
Es geht nur ums „wo“, nicht ums „ob“
Und noch etwas unterscheidet die aktuelle Situation von 2015: Eine deutsche Bewerbung wird es geben. Dieses Mal geht es einzig und allein um die Frage: Soll es Spiele in Hamburg geben?
Angenommen Hamburg setzt sich national durch: Was wären die nächsten Schritte?
Das IOC überarbeitet unter der neuen Präsidentin Kirsty Coventry gerade den Bewerbungsprozess. Wir erhoffen uns, beim Olympic Day am 23. Juni diesbezüglich weitere Informationen zu bekommen – vielleicht auch zu möglichen Zeitschienen, wann mit einer Vergabe der Spiele von 2036 zu rechnen ist.
Generell sind wir optimistisch, dass eine starke Bewerbung aus Deutschland auch international durchaus Chancen hat. Es ist nicht so, dass das IOC in den vergangenen 20 Jahren reihenweise Bewerbungen um Sommerspiele aus Deutschland abgelehnt hat. Vielmehr hat die Stimmungslage in Deutschland keine Bewerbung ermöglicht – und das hat sich glücklicherweise merklich verändert.

Was müsste Hamburg aus DOSB-Sicht noch liefern, um am Ende tatsächlich den Zuschlag für die nationale Bewerbung zu bekommen?
Weg von allen konzeptionellen Inhalten: ein erfolgreiches Referendum am 31. Mai. Das ist die Grundlage, um weiter am Prozess teilnehmen zu können. Für den DOSB ist vom ersten Tag an klar, dass es am Willen der Bevölkerung vorbei keine Bewerbung geben kann.
Referendum wird für Olympia in Hamburg entscheidend
Hamburg hat wie München, Kiel und KölnRheinRuhr den Weg der gesellschaftlichen Legitimation über ein Referendum gewählt. Aber genau in diesem Bereich sind München und KölnRheinRuhr mit ihren deutlich gewonnenen Bürgerbefragungen schon einen Schritt weiter.
Was hat sich im Bewerbungsprozess in den vergangenen Jahren verändert?
Gestartet sind wir 2022 auch mit dem Gedanken, dass es eine gute Idee sein könnte, die Spiele auf zwei oder drei Bewerberstädte aufzuteilen. Davon sind wir aber wieder abgerückt – gerade auch unter dem Einfluss der Spiele von Paris.
Dort wurde deutlich, dass es weiterhin sinnvoll ist, möglichst viele Sportler*innen an einem Ort zusammenzubringen. Das friedliche Zusammenkommen vieler junger Menschen aus aller Welt ist eben weiterhin die Kernidee der Olympischen Spiele.
Der Wettbewerb zwischen den Bewerbern hat gleichzeitig dazu geführt, dass sich alle Konzepte deutlich weiterentwickelt haben. Der Wettbewerb holt aus allen Bewerbern das Beste heraus.