15. Mai 2026
Interviews

Olympia in Hamburg? Hinz&Kunzt warnt vor Verdrängung

Im vierten Teil unserer Serie zur Olympiabewerbung spricht Jörn Sturm, Geschäftsführer und politischer Sprecher von Hinz&Kunzt, über die möglichen sozialen Folgen von Olympia in Hamburg. Dabei geht es um Verdrängung, Wohnungsnot und die Frage, ob große Sportevents tatsächlich allen Menschen in der Stadt zugutekommen.

Jörn Sturm im Interview zu Olympia

Jörn Sturm, Geschäftsführer und politischer Sprecher von Hinz&Kunzt, steht der Olympia­bewerbung skeptisch gegenüber. // Foto Miguel Ferraz

Herr Sturm, welche Chancen und Risiken sehen Sie für sozial benachteiligte Menschen in der Stadt, sollte Hamburg den Zuschlag für Olympia erhalten?

Olympische Spiele können Impulse für Infrastruktur und internationale Aufmerksamkeit bringen. Die entscheidende Frage ist aber, wer davon konkret profitiert. Obdach- und Wohnungslose werden es nicht sein. Die Stadt möchte sich von seiner besten Seite zeigen. Paris wollte das bei den letzten Sommerspielen 2024 auch und hat Obdachlose deshalb aus der Innenstadt vertrieben. Ich hätte Sorge, dass die ohnehin schon folgenreiche Vertreibungspolitik der Behörden in der Hamburger Innenstadt durch Olympia einen weiteren Schub erhält.

Viele soziale Träger befürchten steigende Mieten und Verdrängung durch große Sportevents. Wie bewerten Sie diese Gefahr im Fall einer Olympiabewerbung?

Diese Sorge ist berechtigt und durch Erfahrungen aus anderen Städten belegt. Große Events erzeugen großen Druck auf Immobilienmärkte, oft mit steigenden Mieten und Verdrängungseffekten.

Obdach- und Wohnungslose haben sowieso schon enorme Probleme auf dem Wohnungsmarkt. Für die rund 3.800 Obdachlosen und 45.000 Wohnungslosen hier in Hamburg wird Olympia nichts bringen.

„Olympia darf soziale Probleme nicht verschärfen“

Was müsste aus Ihrer Sicht politisch garantiert werden, damit eine Olympiabewerbung nicht zulasten von Obdachlosen und anderen vulnerablen Gruppen geht?

Hamburg bekennt sich wie ganz Europa zu dem Ziel, die Obdach- und Wohnungslosigkeit bis 2030 zu beseitigen. Da Betroffene schon heute Zweifel an der Glaubwürdigkeit bezüglich dieses Ziels haben, stellt sich die Frage nach weiteren politischen Garantien nicht. Darüber hinaus haben die Menschen auch vor dem letzten Großereignis EM 2024 zusätzliche Vertreibungsmaßnahmen wahrgenommen. Dies hat den Kontakt zur Straßensozialarbeit und anderen innerstädtischen Hilfsangeboten erschwert.

Großveranstaltungen versprechen oft Investitionen in Infrastruktur und Stadtentwicklung. Kommt davon erfahrungsgemäß auch etwas bei sozialen Einrichtungen und ihren Klientinnen und Klienten an?

Das passiert nicht automatisch, sondern nur, wenn es politisch gewollt ist. Häufig fließen die Mittel trotz Absichtsbekundungen in Prestigeprojekte. Wenn soziale Einrichtungen profitieren sollen, muss das vorher fest eingeplant sein. Es braucht klare Budgets und Zielvorgaben für soziale Zwecke. Sonst profitieren Arme und Wohnungslose nicht davon.

Unter welchen Bedingungen könnten Sie eine Olympiabewerbung unterstützen – oder halten Sie sie grundsätzlich für den falschen Weg für eine Stadt wie Hamburg?

Eine Bewerbung wäre für Hinz&Kunzt nur dann unterstützenswert, wenn soziale Belange verbindlich priorisiert werden – insbesondere beim Wohnen und bei der Armutsbekämpfung.

Die Stadt muss insgesamt durch Olympia gerechter werden. Obdach- und Wohnungslose brauchen kein Großereignis, sondern günstige Wohnungen, bessere medizinische Versorgung, Duschmöglichkeiten und Trinkbrunnen sowie Innenstädte, aus denen sie nicht vertrieben werden.

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