Wo wird die Perspektive von Menschen mit Behinderung im Hamburger Olympia- und Paralympics-Konzept bereits gut sichtbar – und wo gibt es noch Nachholbedarf?
Die Olympischen und Paralympischen Spiele sind eine große Chance für den Sport in Hamburg, unabhängig davon, welche Perspektive wir einnehmen. Für Menschen mit Behinderung sollen sie bedeuten, dass ihre Belange stärker in den Fokus der Öffentlichkeit rücken, dass sie gesehen werden und dass konkrete Maßnahmen umgesetzt werden. Das Konzept geht auf diese Themen ein und setzt auf einen barrierearmen und inklusiven Zugang zu den Sportstätten. Wichtig wird sein, dass den Paralympischen Spiele, als möglicher Katalysator für einen inklusiveren Sport, die gleiche Bedeutung von den handelnden Akteuren zugeschrieben wird, wie sie die Olympischen Spiele zweifelsohne bekommen wird. Ein gutes Zeichen ist, dass viele der olympischen Sportstätten auch paralympische Sportstätten werden.
Im Konzept steht, dass Hamburg die barriereärmste Metropole Deutschlands werden will. Halten Sie das für realistisch, wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf?
Es ist immer gut, sich ambitionierte Ziele zu setzen, das gilt auch für den Anspruch die barriereärmste Metropole Deutschlands zu werden. An diesen Ziele wird sich die Stadt Hamburg bei einem Zuschlag messen lassen müssen, das ist zu begrüßen. Wichtig bei diesem Anspruch ist, dass alle Facetten der Barrierefreiheit Betrachtung finden und die verschiedenen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung berücksichtigt werden. Aus Sicht von Menschen mit geistiger Beeinträchtigung, deren Teilhabe im Sport Special Olympics Hamburg vertritt, sind zwei der Herausforderungen sicherlich die Transportwege von Einrichtungen und Wohneinheiten zum Sport als auch die Integration von einfacher Sprache in das Wegeleitsystem im ÖPNV.
Paralympics als Chance für mehr Sichtbarkeit
Welche Aspekte der gelebten Inklusion im Sportalltag sollten im offiziellen Narrativ der Bewerbung stärker betont werden, um die gesellschaftliche Wirkung zu verdeutlichen?
Wichtig ist, dass Teilhabe gelebt wird. Menschen mit Behinderung sind ein Teil unserer Gesellschaft, sie haben eine Meinung, eine Stimme. Diese Stimme muss ihnen gegeben werden, bei der Bewerbung und einer potentiellen Ausrichtung der Spiele. Eine Integration von Menschen mit Behinderung in die Bewerbung und Organisation der Spiele ist deshalb aus Sicht von Special Olympics unverzichtbar. Zudem sehen wir im Special Olympics Konzept des Unified Sports, dem gemeinsamen Sport von Menschen mit und ohne Behinderung, einen guten Ansatzpunkt für ergänzende Formate im Hamburger Olympiakonzept.
Welche Wirkung könnte eine erfolgreiche Bewerbung konkret für die öffentliche Wahrnehmung von Menschen mit Behinderung in Hamburg haben – über den Sport hinaus?
Die Special Olympics World Games 2023 in Berlin waren die größte Multisportveranstaltung von Menschen mit Behinderung im Jahr 2023 und sie haben deutschlandweit Spuren für mehr Teilhabe von Menschen mit geistiger Beeinträchtigung hinterlassen. Sie haben Menschen mit geistiger Beeinträchtigung eine bis dahin nicht gekannte Plattform und Sichtbarkeit gegeben. Olympische und Paralympische Spiele in Hamburg könnten diese Effekte noch weiter verstärken. Die Paralympics zeigen, zu welchen Leistungen Menschen mit Behinderung fähig sind, rücken sie als Menschen in den Fokus und zeigen deutlich, an welchen Stellen eine bessere Inklusion auch außerhalb des Sports notwendig ist.
Nachhaltige Inklusion über die Spiele hinaus
Was wäre für Sie ein klares Zeichen dafür, dass die Bewerbung nicht nur sportpolitisch, sondern auch gesellschaftlich nachhaltig erfolgreich ist?
Notwendig ist ein klar ausgearbeitetes Legacy-Programm, dass mit dem Zuschlag bis viele Jahre nach den Spielen Maßnahmen festlegt, die den Sport, die Inklusion und unsere Stadt stärken. Dieses Programm muss zu sichtbaren und bleibenden Veränderungen im Zugang zum Sport, in der Akzeptanz und Teilhabe von Menschen mit Behinderung führen. Dazu zählt eine Stärkung des Behindertensports im Allgemeinen aber auch ein Ausbau des inklusiven Sportangebots im organisierten Sport.