Die Ausstellung der Fotografin Regina Schmeken „Blutiger Boden. Die Tatorte des NSU“, die noch bis 7. Juli im Altonaer Museum zu sehen ist, setzt sich mit der brutalen Anschlagsserie des sogenannten „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) auseinander, bei der zwischen den Jahren von 2000 und 2007 zehn Menschen ermordet wurden. Die Opfer der NSU-Morde waren neun Männer türkischer und griechischer Abstammung sowie eine Polizistin. Zwei Sprengstoffanschlägen in Köln forderten zudem viele Verletzte und Schwerverletzte. Die Verbrechen, die von den Ermittlungsbehörden lange nicht als rechter Terror identifiziert wurden, beschädigten das gesellschaftliche Miteinander in Deutschland tiefgreifend.
Die Künstlerin Regina Schmeken besuchte 2013 und 2015/2016 die Tatorte der NSU-Morde und hat mit ihren großformatigen Schwarzweißaufnahmen die verstörende Normalität der Schauplätze von Hass und Gewalt inmitten deutscher Städte festgehalten. Ihre Fotografien versuchen das Ungeheuerliche dieser Taten begreifbar zu machen. Sie wollen in Erinnerung rufen, dass die Attentate Angriffe auf universelle Menschenrechte und damit auch auf unsere gesamte Gesellschaft waren. Der Ausstellungstitel verweist zum einen auf die Orte der Verbrechen und zum anderen auf die nationalsozialistische Propagandaformel „Blut und Boden“. Der NSU berief sich auf diese Ideologie und hielt sich durch sie für berechtigt, Menschen zu töten.
Begleitend zur Ausstellung über die NSU-Morde findet eine Lesung mit der Gerichtsreporterin Annette Ramelsberger und ein anschließendes Gespräch mit der Rechtsanwältin Seda Başay-Yıldız statt. Thema ist die mediale Verantwortung und die Frage, wie eine demokratische Gesellschaft auf rechten Terror reagieren sollte. Moderatorin ist Laura Hertreiter, Leiterin des Feuilletons der „Zeit“.
Annette Ramelsberger berichtet seit über 20 Jahren für die Süddeutsche Zeitung aus den Gerichtssälen der Bundesrepublik. Sie begleitete über Jahre hinweg den Prozess gegen den NSU und dokumentierte, wie rechter Terror und staatliches Versagen vor Gericht verhandelt wurden. Auch über den Mord an Walter Lübcke im Jahr 2019, das Attentat von Hanau im Jahr 2020 und weitere Fälle politisch motivierter Gewalt hat sie eindringlich berichtet. An diesem Abend liest sie aus ihrem neuen Buch „Am Abgrund“, dessen Titel eine Fotografie von Regina Schmeken zeigt. In ihrer Lesung knüpft sie an zentrale Fragen der Ausstellung an und richtet den Blick zugleich auf die Rolle der Medien: Weshalb wurde rechtsterroristische Gewalt über Jahre hinweg unterschätzt, fehlgedeutet oder auch innerhalb von Redaktionen nicht konsequent als solche benannt? Und welche Möglichkeiten hat ein verantwortungsvoller Journalismus, die Stimmen der Opfer und ihrer Angehörigen hörbar zu machen und ihre Perspektiven ins Zentrum der öffentlichen Wahrnehmung zu rücken?
Im Anschluss spricht Annette Ramelsberger mit Seda Başay-Yıldız. Die Rechtsanwältin wurde als Vertreterin der Nebenklage für die Familie von Enver Şimşek, dem ersten Opfer der NSU-Mordserie, bundesweit bekannt. Seit August 2018 erhielt sie eine Reihe von Morddrohungen, unterzeichnet mit „NSU 2.0“, die Daten aus Computern der Polizei Hessen enthielten. Ihr Engagement steht exemplarisch für den langen Kampf um Aufklärung, Gerechtigkeit und Schutz für diejenigen, die rechte Gewalt juristisch und öffentlich herausfordern.
Eintritt frei.
Fr., 29. Mai, 19 Uhr, Musemstraße 23, Altona