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5. Oktober 2023
Interviews

Die Kreuzfahrt der Zukunft

Die Kreuzfahrt boomt. Doch was für einen Einfluss haben Kriege, wirtschaftliche Probleme und der Klimawandel? Julian Pfitzner, CEO Hapag-Lloyd Cruises bei TUI Cruises, hat Antworten. Lesen Sie hier das ungekürzte Interview.

Kreuzfahrt zum Panamakanal

Die Flotte von Hapag-Lloyd Cruises setzt eher auf kleinere Schiffe - kann dafür aber exklusivere Ziele anbieten. // Foto: Hapag-Lloyd Cruises

CEO Julian Pfitzner
Julian Pfitzner. CEO der Hapag-Lloyd Cruises Flotte // Foto: Martina van Kann

Herr Pfitzner, ist eine Kreuzfahrt überhaupt noch zeitgemäß?
Das Reisen ist eine Ur-Sehnsucht des Menschen. Ich persönlich und auch unsere Gäste empfinden es als horizonterweiternd, vor Ort, andere Kulturen und Menschen kennenzulernen und auch besser zu verstehen. So läuft man nicht Gefahr, stereotypisch von Dritten darüber informiert zu werden, wie andere so sein mögen auf der Welt. Wenn wir mit unserer Kreuzfahrt ein kleines bisschen dazu beitragen, dass die Menschen sich besser verstehen, dann ist das, glaube ich, sehr zeitgemäß.

Manche Gäste einer Kreuzfahrt bleiben hingegen gerne an Bord und genießen die Rundumversorgung. Diese lernen nicht so viel von den Kulturen an Land kennen. Sind ihre Gäste da ein bisschen anders oder geht es auch dort eher um einen Tapetenwechsel?
Natürlich ist eine Reise immer auch ein Tapetenwechsel. Aber wir können wirklich sagen, dass unsere Gäste fast geschlossen von Bord gehen, wenn wir anlegen.

Wenn wir die Expeditions-Reisen nehmen, sprechen wir von kleinen Schiffen mit maximal 230 Passagieren. Es sind keine schwimmenden Freizeitparks. Daher macht es Sinn, an Land zu gehen und sich anzuschauen, wie schön es dort ist.

 

„21 Knoten und keine Krawatte“

Der Großteil der Kreuzfahrt-Passagiere ist älter als 50 Jahre. Gibt es Strategien, um ein jüngeres Publikum zu gewinnen?
Es stimmt, dass das Kreuzfahrt Publikum größtenteils älter ist, übrigens nicht nur bei uns. Dafür gibt es ein paar Gründe. Für viele Menschen ist eine Reise, die sowohl kostspieliger, als auch zeitintensiver ist. Etwas, das man in einer Lebensphase macht, wo man finanziell unabhängiger ist, oder wichtige Investitionen schon abgeschlossen sind. Außerdem ist neben Einkommen auch Freizeit ein rares Gut. Unsere Reisen dauern meist zwei oder drei Wochen. Das muss man erstmal im Kalender unterbringen. Da geht es auch um Schulferien. Ich selbst habe zwei Kinder. So gibt es wegen der Schulpflicht nur wenige Wochen, in denen wir überhaupt am Stück reisen könnten.

Und weitere Punkte im Verjüngungsprogramm sind …?
… Während unseres aktuell stattfindenden Gesprächs, bin ich an Bord der „Europa 2“. Wenn man sich über das Schiff informiert, stellt man fest, dass es vor zehn Jahren gebaut wurde und damals eine Revolution in der Luxus-Kreuzfahrt ausgelöst hat, weil wir damals sagten „21 Knoten und keine Krawatte“. Das hat zur Verjüngung beigetragen. Auch auf dem Schwesterschiff, der „Europa“, sieht man nun keine Smokings mehr und immer weniger Krawatten. Dort haben wir in den vergangenen Jahren auch konzeptionelle Anpassungen vorgenommen und unter anderem das Thema Achtsamkeit und Ernährung in den Fokus genommen. Unter anderem mit Ernährungsberatung durch Dr. Anne Fleck. Zudem gibt es Yoga-, Fitness- und Entspannungskurse, angeleitet von Experten.

Und auch beim Thema Entertainment sind wir vielschichtig. Wir haben gerade auf der Europa 2 eine Reise mit dem Elektro-Künstler Schiller abgeschlossen. Auch Tim Bendzko hat kürzlich auf der „Europa“ gesungen und Max Giesinger hat ganz nahbar beim Format MS EUROPA 2 UNPLUGGED® mehrere Konzerte an Bord gegeben.

Wir kümmern uns auch sehr um unsere kleinen und jugendlichen Gäste. Für unsere Expeditionsschiffe haben wir ein eigenes wissenschaftliches Format für Jüngere aufgelegt. Es heißt „Reisen für junge Entdecker“ und richtet sich an 10- bis 17-Jährige. . Dort fragen wir uns, durch welche Brille Jugendliche beispielsweise die Arktis erleben möchten. Da tun wir schon sehr viel.

Bezogen auf die ganze Reisebranche, ist der Kreuzfahrt-Bereich recht klein. Ist es zunehmend schwer, genügend Kunden zu finden?
Die Kreuzfahrtbranche ist nach wie vor eine Nische im Reisegeschäft. Trotzdem ist sie ein stark wachsendes Geschäft. Die Kreuzfahrtbranche war in den vergangenen Jahren vor allem davon beschränkt, dass es nicht genug Schiffe gab. Es gab fast immer mehr Nachfrage als Angebot. Natürlich mussten wir uns alle von Corona erholen, aber momentan ist die Buchungslage wieder sehr gut.

Die Veränderungen in der Kreuzfahrtbranche

Welche Veränderungen sind für Sie die gravierendsten im Kreuzfahrt-Geschäft der vergangenen 30 Jahre?
Noch vor rund 30 Jahren waren Kreuzfahrten eine recht elitäre Reiseform. Da hat eine gewisse „Demokratisierung“ stattgefunden, besonders durch immer größere Schiffe, die immer günstigere Preise ermöglichten.

Das Thema Nachhaltigkeit muss man auch nennen. Wenn man sich ansieht, was die Kreuzfahrt – und da macht Hapag-Lloyd Cruises keine Ausnahme – an Innovation in die Seeschifffahrt gebracht hat, dann ist das wirklich eindrucksvoll. Wir machen zwar unter einem Prozent der globalen Schifffahrt aus, aber viele Dinge, wie Landstrom und so weiter, wurden zuerst auf Kreuzfahrtschiffen eingesetzt.

Die Nachhaltigkeit ist ja in vielen Bereichen zum Verkaufsargument geworden. Ist das in Ihrer Branche auch so?
Niemand bucht eine Kreuzfahrt bei uns, nur wegen der Nachhaltigkeit. Aber unsere Gäste, die doch einiges für ihre Reise investieren, erwarten, dass wir unseren Job so gut wie möglich erledigen, und das tun wir auch. Wir sind mit unserer kleinen Flotte in Sachen Nachhaltigkeit sehr gut aufgestellt. Seit 2020 Jahr fahren alle Schiffe von Hapag-Lloyd Cruises mit schadstoffarmen Marine Gasöl 0,1 Prozent. Damit bewegen uns unter dem weltweit gültigen Schwefelgrenzwert von 0,5 Prozent.

Sie sagten, Sie setzen eher auf kleinere Schiffe, etwa die neuen Expeditionsschiffe. Sind das die beiden Richtungen, in die es bei der Kreuzfahrt langfristig gehen wird?
Wahrscheinlich ja. Vermutlich sehen wir am Ende eine Polarisierung zwischen größeren  und eher kleineren Schiffen.

Warum entscheiden Sie sich für die kleineren Schiffe?
Es ist das, was wir am besten können. Es ist das, wofür wir stehen, für ganz persönliche, individuelle Reisen. Das kann man nur bis zu einer gewissen Anzahl von Gästen wirklich gut machen. Gleichzeitig stehen wir für besondere Fahrpläne und Routen, so dass unsere Gäste die ganze Welt erkunden können. Das geht so auch besser, weil unsere Schiffe kleinere Infrastrukturen brauchen als große Schiffe. Kleine, unbekannte Häfen können zum Beispiel oftmals auch nur von kleinen Schiffen angelaufen werden.

Die Schiffsgröße wird vielerorts zum Problem. Manche Häfen und Lagunen haben Anlaufverbote ausgesprochen. Sind Ihre Schiffe klein genug, um diesem Problem zu entgehen?
Mit maximal 500 Gästen kommen die allermeisten Städte gut zurecht. Ehrlicherweise ist es aber auch so, dass ein Schiff nicht überraschend kommt. Mein Team an Land ist jetzt schon damit beschäftigt, die Fahrpläne für 2026 zu erstellen. Wenn eine Stadt sagt, zu diesem oder jenem Zeitpunkt ist viel los, sagen wir halt, gut, dann kommen wir später oder früher. Man muss nur miteinander sprechen. Aber um auf die Fragen zu antworten, unsere kleinen Schiffe sind meistens von Vorteil. Dennoch gibt es Orte, wie Bergen oder Venedig, die Limits einführen oder sagen, sie möchten diese Art von Tourismus nicht mehr und daran halten wir uns selbstverständlich.

Die Expeditionsreisen

Bei Expeditionen an abgelegene Orte, wie hier die Arktis, gelten besondere Regeln für die Passagiere. // Foto: Hapag-Lloyd Cruises

Mit den kleinen Schiffen kommen sie auch in Bereiche dieser Welt, für die große Schiffe nicht zugänglich sind. Ihr Unternehmen wirbt damit, dass sie ihren Gästen unberührte Natur zeigen. Ist das kein Widerspruch, unberührte Natur zu bereisen?
Wenn man es so definiert, dürfte man nicht hinfahren, wenn man es nicht berühren oder tangieren wollte. Aber zwei Dinge, die mich persönlich und uns als Firma dazu bewegen, weiterzumachen sind diese: Wenn es ein großes Interesse von Menschen gibt, sich diese Orte anzuschauen, dann ist es besser, wenn Experten dabei sind, die das seit Jahrzehnten machen. Die auch über die entsprechenden Schiffe verfügen und mit Biologen und anderen Fachleuten dafür sorgen, dass es eben ein minimal invasiver Tourismus ist.

Das zweite ist, dass die Menschen von diesen Reisen, etwa von Spitzbergen oder der Antarktis, wirklich ein Stück weit verändert wiederkommen. Sie sind danach Multiplikatoren für die Frage, was es zu schützen gilt. Jetzt können Sie natürlich sagen, der beste Schutz wäre es, man würden gar nicht erst hinfahren. Und ich würde erwidern, das Beste ist, wenn Menschen, die vor Ort waren, die Gesellschaft darüber aufklären.

Und wir haben das Glück, Gäste mit großer Reichweite an Bord zu haben, die das gut leisten könnten. Das sind ja oftmals Meinungsführer. Und wir fahren nicht einfach irgendwo hin, sondern wir sprechen vorher ab, wo wir hinfahren. Natürlich lassen wir Gebiete aus, die besonders schützenswert sind. Das ist also alles ein kontrollierter, hochstrukturierter Vorgang. Wenn wir an Land gehen, laufen wir dort nicht einfach rum. Wir achten unter Aufsicht der Fachleute darauf, dass die Natur keinen Schaden nimmt.

Es gibt also durchaus Orte, die sie bewusst nicht anfahren, um die Natur zu schonen?
Absolut. Es gibt weite Teile, die werden gar nicht bereist. Und es gibt immer wieder saisonale Orte, die wir dann nicht anfahren, weil es ein erhöhtes Vorkommen von schützenswerten Tieren gibt. Wenn unsere Wissenschaftler abraten, würden wir auch keinen Fuß an Land setzen. Wir haben außerdem ein Motto: Wir schützen, was wir lieben. Man darf eben auch nicht vergessen, wir hängen am Ende davon ab, dass es diese schönen Gegenden gibt. Es ist eher so: Wenn wir in Spitzbergen sind, sammeln unsere Gäste Müll, den andere dort gelassen haben. Außerdem geht jeder Gast in der Antarktis am Anfang und Ende einer Anlandung durch eine besondere Waschanlage, wo die Gummistiefel gereinigt werden. Alle Sohlen und Kleidungsstücke werden  sich angesehen, damit ganz sicher ist, dass wir keine Partikel von einer Insel auf die andere verschleppen und so das natürliche Gleichgewicht dort stören könnten.

Werden Ihre Gäste entsprechend sensibilisiert, nichts unbedacht anzufassen?
Wir fahren gerade im Expeditionsbereich mit Experten, wie zum Beispiel Ornithologen, Biologen, Geologen und so weiter. Wir haben außerdem immer noch Expeditionsleiter und Experten und Fieldstaff dazu. Diese bewegen sich erst mal alle an Land und schauen, ob man überhaupt mit Passagieren anlanden kann. Da geht es unter anderem um die Frage, ob dort Tiere gestört werden. Unsere Gäste halten sich immer in der Nähe der Experten auf, die darauf achten, dass alles in Einklang mit der Natur stattfindet.

Wo liegt das Limit erlaubter Personen?
Für die Antarktis dürften es maximal 100 Personen an Land sein., Da wir bei Antarktisreisen und Spitzbergen-Umrundung ohnehin nur mit 199 Gästen reisen, stellt sich diese Frage für uns jedoch gar nicht.

Die Kreuzfahrt-Schiffe der Zukunft

Blicken wir nochmal auf die Schifftechnik. Wie sehen die Kreuzfahrt-Schiffe der Zukunft aus?
Das ist eine komplexe Frage. Wenn sie jetzt auf Nachhaltigkeit und die Frage der Antriebstoffe abzielen, dann glaube ich, dass alle Kolleginnen und Kollegen und auch wir weiter moderne Antriebsstoffe testen werden. Wir werden in diesem Jahr erstmals ein Schiff zu 100 Prozent mit Bio-Kraftstoff betanken. Da spielt natürlich auch die Verfügbarkeit meines Erachtens nach eine Rolle. Das ist sicher ein Zukunftsthema. Das Gleiche gilt auch für Methanol und grünes Methanol. Das wird eine große Rolle spielen.

Wie groß ist der Einfluss der politischen Lage auf die Kreuzfahrt?
Sehr groß. Wir haben früher sehr oft St. Petersburg und Kamtschatka angefahren. In Summe waren es viele Tausende Kilometer russischer Küste, die wir befahren haben. Das kommt im Moment natürlich nicht in Frage. Wir können unsere Schiffe zwar überall hinlenken, aber wir sind immer abhängig von geopolitischen Fragen. Das bestimmt die Route. Es ist durchaus nicht immer trivial zu lösen. Durch die Größe unserer Schiffe haben wir viele Möglichkeiten zu reagieren. Aber wie ich schon sagte, planen wir für bereits 2026, teils auch 2027. Es ist schwer, genau die Karten zu legen, wo wir künftig hinfahren können. Es war schon mal einfacher, das muss man sagen.

Ist das jetzt für Sie in den 13 Jahren, die Sie dabei sind, die schwerste Phase bislang?
Also ich finde diese Phase ehrlicherweise keine so schwere Phase. Eine wirklich schwere Phase war für uns die Pandemie. Weil es etwas war, dass wir, aber auch die Hotellerie an Land so nicht kannte.

Dass unsere Schiffe nicht gefahren sind, war neu. Wir mussten sehr schnell lernen. Da war ich sehr stolz auf unser Team, dass wir schon in Juli 2020 wieder fahren konnten, mit einem entsprechend zertifizierten Hygienekonzept.

Aber ich will auch nicht verhehlen, dass es trotzdem eine wahnsinnig intensive und arbeitsreiche Zeit war. Wenn Sie sich erinnern, galten von Grenze zu Grenze andere Regeln. Wenn man zwischen dutzenden Ländern fährt, ist das schon eine sehr komplexe Aufgabe. Aber das liegt ja nun hinter uns.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

Zur Person:

Julian Pfitzner
ist seit November 2020 CEO bei Hapag-Lloyd Cruises (HLC). Zuvor war er für das Marketing bei HLC und das Schiff „Europa 2“ verantwortlich. HLC ist für anspruchsvolle Kreuzfahrten auf kleineren Schiffen bekannt. Die Expeditionsfahrten in die entlegensten Teile der Welt gelten als Alleinstellungsmerkmal des Unternehmens, rufen aber auch Kritik hervor. Pfitzner will das Thema Nachhaltigkeit und Verjüngung der Zielgruppe vorantreiben.

 

 

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